Die Schneegesellschaft

2024143 minab 16,

Survival-Drama als tiefgründige Reflexion über die menschliche Natur in Extremsituationen

Als „Das Wunder der Anden“ ging 1972 eine unglaubliche Geschichte ins kollektive Gedächtnis ein. Es ist der faszinierende Überlebenskampf einer jungen Rugbymannschaft, die in den Anden abgestürzt war. Die Überlebenden kämpften unter extremen Bedingungen und waren gezwungen, ihre toten Kameraden zu essen, um nicht zu verhungern. Dieses schillernd-schaurige Ereignis zeugt vom Durchhaltevermögen des Menschen und seiner Fähigkeit, in Extremsituationen über sich hinauszuwachsen. „Indiana Jones“-Produzent Frank Marschall verfilmte dieses bewegende Schicksal 1993 in „Überleben!“ als packenden Katastrophen-Thriller. 30 Jahre später wählt Regisseur J.A. Bayona in seiner uruguayisch-spanisch-chilenischen Produktion „Die Schneegesellschaft“ einen anderen Ansatz und überzeugt mit mehr psychologischer Tiefe. Allerdings fehlt auch hier ein wenig die Klarheit des US-Vorgängers, da die Figuren nur schwer voneinander zu unterscheiden sind und es lange dauert, bis sich innerhalb der Charaktere eine narrative Struktur herausbildet.

1972: Die Stimmung ist ausgelassen, als die Mitglieder der uruguayischen Rugbymannschaft „Old Christians“ in Montevideo ein Flugzeug besteigen, das sie zu einem Turnier nach Chile bringen soll. Doch dort kommen sie nie an. In den Anden, im äußersten Westen Argentiniens, gerät Flug 571 wegen schlechten Wetters in schwere Turbulenzen und streift in 4.000 Metern Höhe einen Berggipfel. Eine Tragfläche wird abgetrennt, das Flugzeug zerbricht in zwei Teile und rutscht einen Gletscher hinunter. 12 der 45 Insassen sterben sofort, einige Schwerverletzte in den folgenden Tagen. In den Nächten fallen die Temperaturen auf minus 40 Grad, während sich die Überlebenden so gut es geht im Wrack verschanzen. Als die letzten Vorräte aufgebraucht sind, trifft die Gruppe um den Anführer Nando Parrado (Agustin Pardella), Roberto Canessa (Mathias Recalt) und Numa Turcatti (Enzo Vogrincic) eine schwere Entscheidung: Sie ernähren sich fortan von den Toten, um zu überleben. Doch die Hoffnung auf Rettung schwindet von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Offiziell haben die Behörden die Suche eingestellt.

„Die Schneegesellschaft“ (© Netflix)

J. A. Bayona wählt für Neuverfilmung veränderte Perspektive

Warum verfilmt J. A. Bayona („The Impossible“, „Jurassic World: Das gefallene Königreich“) dieselbe Geschichte noch einmal, die Hollywood bereits spannend erzählt hat? Die Antwort liegt in der Perspektive. Basierte Frank Marshalls Katastrophenfilm „Überleben!“ auf dem gleichnamigen Tatsachenroman von Piers Paul Read, der sein Buch in Zusammenarbeit mit den 16 Überlebenden schrieb, bezieht sich der Spanier Bayona bei seiner Neuverfilmung auf den 2008 erschienenen Roman „Die Schneegesellschaft“ von Pablo Vierci. „Im Gegensatz zu ‚Überleben‘, das sich ausschließlich auf die Fakten der Geschichte stützt, bietet ‚Die Schneegesellschaft‘ eine viel philosophischere Sicht auf die Ereignisse“, erklärt Bayona in einem Interview mit „A-Frame“ seinen Blick auf die Vorlage. „Für mich ist es ein Film über diese eine Gruppe von Menschen, deshalb war es wichtig, die Geschichte der ganzen Gruppe zu erzählen“, so der Regisseur weiter: „Ich wollte nicht nur einen Protagonisten haben, denn der Sinn der Geschichte ist es, zu zeigen, dass keine Person wichtiger ist als die anderen.“

Kein Wunder also, dass „Die Schneegesellschaft“ etwas tiefer in die Vorgeschichte der Mitglieder des Rugby-Teams eintaucht. Bayona schafft im Prolog eine elegante erzählerische Klammer, indem er den späteren Helden Roberto Canessa mit einer seiner hervorstechendsten Eigenschaften auf dem Spielfeld zeigt, die später seinen verbliebenen Kameraden das Leben retten wird.

Eiskalt-authentisches Setting

„Die Schneegesellschaft“ fängt die Eiseskälte und die unerbittliche, lebensfeindliche Härte der Berglandschaft der Anden durchgehend eindringlich ein, wobei die beeindruckende Kameraarbeit von Pedro Luque („Blue Beetle“) dem Zuschauer das permanente Kältegefühl vermittelt. Der Film besticht auch durch die gelungene Auswahl der Schauspieler, die mit überzeugenden Leistungen und authentischen Dialogen aufwarten. Hier wird eine menschliche Geschichte erzählt, die sowohl die Toten als auch die Lebenden respektiert. Man spürt förmlich, wie Bayona alles daransetzt, vor allem die zu ehren, die es nicht geschafft haben – er geht sogar so weit, dass er jedes Mal, wenn jemand stirbt, den Namen und das Alter der Person einblendet.

„Die Schneegesellschaft“ (© Netflix)

Das Kollektiv steht über dem Individuum

Dieser ehrenhafte Ansatz hat seine Kehrseite. Weil der Regisseur die Gemeinschaft über alles stellt, braucht es sehr lange, bis sich Führungsfiguren aus dem Ensemble herauskristallisieren. Bayona vermeidet es, die Geschichte auf die prominentesten Überlebenden zu reduzieren, und gibt jedem seinen Raum. Die Entscheidung, den Fokus auf die Kollektivität zu legen, führt dazu, dass individuelle Bezüge verloren gehen. Dies schafft eine gewisse Distanz zu den Emotionen der Protagonisten. Das Thema Kannibalismus behandelt der Filmemacher ohne reißerische Attitüde, fast schon als Randnotiz und vielmehr als unabwendbare Notwendigkeit – sonst hätte niemand diese qualvollen 72 Tage überlebt.

Technische Brillanz

Technisch beeindruckt „Die Schneegesellschaft“ bei einem für südamerikanisch-spanische Verhältnisse hohen Budget von 60 Millionen Dollar. Der spektakuläre Flugzeugabsturz und die Lawinen sind visuell atemberaubend und von höchster Qualität. Das Zusammenspiel von Spezialeffekten, Kameraarbeit und Regie erweckt die eisige Berglandschaft zum Leben – damit ist „Die Schneegesellschaft“ seinem Vorgänger „Überleben!“ natürlich technisch etwas überlegen.

Fazit: Das Survival-Drama „Die Schneegesellschaft“ ist nicht nur technisch beeindruckend, sondern auch eine tiefgründige Reflexion über die menschliche Natur in Extremsituationen, die am Ende vielleicht etwas zu kollektiv geraten ist.

Streaming: „Die Schneegesellschaft“ ist seit dem 4. Januar 2024 im Abo auf Netflix abrufbar.

Wertung3,5 / 5
Produktionsland

Uruguay/Spanien/Chile 2023

Cast & Crew

Enzo Vogrincic

Numa Turcatti

Matías Recalt

Roberto Canessa

Agustín Pardella

Fernando Parrado

Esteban Kukuriczka

Adolfo Strauch

Francisco Romero

Daniel Fernández Strauch

Rafael Federman

Eduardo Strauch

Tomas Wolf

Gustavo Zerbino

Agustín Della Corte

Antonio Vizintín

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