
Deutsche Kinocharts: „Scary Movie“ feiert starkes Comeback an der Spitze
08.06.2026
In „Mother Mary“ erzählt David Lowery mit Anne Hathaway und Michaela Coel von den Schattenseiten des Ruhms, einer zerbrochenen Freundschaft und dem Verlust der eigenen Identität.
Glanz, Gloria und der totale Kollaps: In David Lowerys düsterem Musik-Melodram „Mother Mary“ flieht ein ausgebrannter Weltstar vor dem eigenen Ruhm. Was folgt, ist kein schillerndes Pop-Märchen, sondern ein albtraumhaftes, hypnotisches Kammerspiel über die tiefen Narben einer zerbrochenen Freundschaft und die Einsamkeit des Ruhms. Getragen von zwei Urgewalten im Halbdunkel – einer phänomenalen Anne Hathaway und einer distanziert-brillanten Michaela Coel – verschwimmen in diesem intensiven Psychogramm die Grenzen zwischen Realität und Wahn.
Von ihrer eigenen Identität ist der Musikerin Mother Mary (Anne Hathaway) nicht mehr viel geblieben. Sie ist ein Megastar, eine Ikone, die vor allem als gigantische Projektionsfläche für Millionen von Menschen funktioniert. Doch hinter dem Glamour lauert die absolute Erschöpfung. Überwältigt von der Last ihres heiß ersehnten Bühnen-Comebacks flieht Mother Mary (ihr bürgerlicher Name bleibt dem Zuschauer unbekannt).
Ihr Ziel: Das Londoner Anwesen von Sam Anselm (Michaela Coel). Sam ist heute eine weltberühmte Modedesignerin, doch für Mother Mary ist sie vor allem die Frau, die zu Beginn ihrer Karriere ihren ikonischen Stil geprägt hat – und die einstige beste Freundin, mit der sie vor Jahren in tiefem Streit brach. Mother Marys Vorwand für das Wiedersehen: Sam soll das visionäre Kleid für ihr großes Abschlusskonzert entwerfen, das das Ende ihrer Karriere einläuten soll.

Was folgt, ist allerdings kein klassisches Musik-Melodram, sondern ein intimes Kammerspiel über Kunst, Identität und die Narben einer zerbrochenen Freundschaft. Regisseur David Lowery („The Green Knight“), der auch das Drehbuch schrieb, setzt dabei auf ein betont ruhiges Erzähltempo und eine reduzierte visuelle Sprache. Die Kamera bleibt oft statisch, bewegt sich kaum und zwingt den Zuschauer, den beiden Frauen in ihren langen Gesprächen und emotionalen Konfrontationen nahe zu bleiben.
Unterstützt wird diese beklemmende Intimität durch eine konsequent dunkle Farbgestaltung. In dem wenigen Licht, das die Szenerie erhellt, entsteht Raum für die Psyche der Figuren. Dabei verhandelt Lowery eine Wahrheit, die im Kino selten so präzise getroffen wird: Der Verlust einer besten Freundin kann tiefere Narben hinterlassen als das Ende einer romantischen Beziehung.
Die Dynamik zwischen Anne Hathaway („Der Teufel trägt Prada 2“) und Michaela Coel („Black Panther: Wakanda Forever“) in den langen, fast theatralischen Dialogszenen ist von einer ungeheuren Intensität. Da ist eine tiefe, fast greifbare Zuneigung, die jedoch sofort von der Angst, erneut verletzt zu werden, und einer stillen, jahrelang angestauten Wut überlagert wird. Michaela Coel spielt Sam mit einer faszinierenden Distanz – eine Frau, die sich hinter der Kontrolle ihres Modeimperiums verschanzt hat, aber auch durchblicken lässt, dass sie ihre beste Freundin eigentlich verzweifelt zurückhaben will.

Das emotionale Kraftzentrum des Films ist jedoch eine absolut grandiose Anne Hathaway. Wie sie die existenzielle Krise und die psychische Instabilität dieser Pop-Ikone greifbar macht, ist phänomenal. Nichts verdeutlicht das besser als eine der stärksten Szenen des Films: Mother Mary tanzt barfuß, ohne Musik, in Sams Atelier. Sie wirft sich auf den Boden, schmettert ihren Körper lautstark und ungebremst gegen die harten Holzlatten und ringt fast gewaltsam mit sich selbst. Es ist ein Akt der puren, ungeschönten Katharsis. Wo die Realität Risse bekommt
Mit fortschreitender Dauer mischen sich Realität und Erinnerungen immer unbarmherziger. Lowery streut surreale Elemente und Andeutungen des Übernatürlichen ein, ohne jemals ganz in das Horror-Genre abzudriften. Am Ende entlässt uns der Film mit der flirrenden, unbehaglichen Frage, ob dieses ganze, intensive Aufeinandertreffen vielleicht nur in der angeschlagenen Psyche von Mother Mary stattgefunden hat.

Und genau hier bricht „Mother Mary“ unter den eigenen Ambitionen zusammen. Das Surreale wirkt am Ende schlichtweg wie ein „Too Much“’ an inszenatorischem Willen. Für die eigentliche Kernbotschaft des Films – dieses hochemotionale, schmerzhafte Sezieren einer zerbrochenen Freundschaft – hätte es diesen doppelten Boden gar nicht gebraucht. Das Surreale lenkt eher ab, als dass es tiefere Erkenntnisse liefert.
Dass der Film dennoch fesselt, ist allein der Verdienst seiner beiden Hauptdarstellerinnen. Hathaway und Coel tragen dieses Kammerspiel fast im Alleingang über die Ziellinie und retten es vor der inszenatorischen Beliebigkeit.
Fazit: „Mother Mary“ ist kein leicht zugängliches Kino. Der Zuschauer braucht Geduld, um sich auf dieses düstere psychologische Kammerspiel einzulassen. Dank der schauspielerischen Wucht seiner Hauptdarstellerinnen bleibt das Melodram aber sehenswert – auch wenn Regisseur Lowery sich im surrealen Nebel am Ende etwas zu sehr verheddert.