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16.03.2026
Josh Safdies „Marty Supreme“ ist ein fiebriges Charakterdrama über Ehrgeiz, Selbstzerstörung und den Preis des amerikanischen Traums.
Josh Safdie kennt im Kino offenbar nur einen Gang: Vollgas! Schon in dem superben „Good Time“ (2017), damals noch gemeinsam mit seinem Bruder Benny inszeniert, trieb er Figuren und Publikum in einen fiebrigen Dauerzustand, der kaum Luft zum Atmen ließ. Mit dem ebenso brillanten „Der schwarze Diamant“ (2019) wurde daraus endgültig ein Markenzeichen: Kino als Dauerstress, als nervös pulsierende Bewegung nach vorn. Nach der kreativen Trennung der Brüder führt Safdie diesen Stil nun allein weiter – und mit „Marty Supreme“ zieht er das Tempo noch einmal an. Während eine klassische Hollywood-Produktion ihren Rhythmus sorgfältig austariert, kennt Safdie einen zusätzlichen Aggregatzustand: permanente Beschleunigung. Szenen überlappen sich, Dialoge prallen aufeinander, die Kamera ist ständig in Bewegung. Dass dieses Hochgeschwindigkeitskino ausgerechnet in einem Periodfilm über Tischtennis spielt – „Marty Supreme“ ist im Amerika der frühen 1950er Jahre angesiedelt – macht den Reiz zusätzlich aus. Safdies rastlose Inszenierung prägt dabei nicht nur die Handlung, sondern auch die Hauptfigur. Marty Mauser lebt und spielt mit derselben manischen Energie, mit der er am Tischtennistisch seine Gegner zermürbt. Genau darin liegt allerdings auch das Risiko dieses inszenatorisch furiosen Dramas: Dieser Freak ist kein Held zum Liebhaben, sondern ein narzisstischer Kotzbrocken, der lügt, trickst und Menschen vor allem als Mittel zum Zweck betrachtet. Umso bemerkenswerter ist es, dass Safdie es schafft, das Publikum trotzdem auf seine Seite zu ziehen. Je länger der Film dauert, desto mehr fiebert man mit diesem besessenen Trickser mit. „Marty Supreme“ ist ein grandios inszeniertes Charakterdrama auf Speed – ein Film, der niemals stillsteht, niemals leise wird und nur eine Richtung kennt: nach vorn.
New York, 1952: Der ehrgeizige Marty Mauser (Timothée Chalamet) will mit seinen 23 Jahren die Welt erobern – und zwar mit dem, was er am besten kann: Tischtennis spielen! Für die British Open in London setzt er alles auf eine Karte. Er kündigt seinen Job als Schuhverkäufer in Lower Manhattan bei seinem Onkel Murray (Larry Sloman), muss jedoch unter fragwürdigen Umständen seinen ihm zustehenden Lohn aus einem Safe stehlen. Dazu erhöht sich der Druck auf Marty, weil seine Jugendliebe Rachel (Odessa A’zion) ihm offenbart, dass sie von ihm schwanger ist, was ihren Mann Ira (Emory Cohen) zur Weißglut treiben würde – wenn er es ahnte.
In London läuft zunächst alles perfekt für Marty. Er zieht ins Finale ein und schafft es, die Aufmerksamkeit des alternden Filmstars Kay Stone (Gwyneth Paltrow) auf sich zu ziehen. Dass die beiden eine Affäre haben, schreckt Marty nicht davon ab, eine Geschäftsbeziehung zu Kays schwerreichem Mann Milton Rockwell (Kevin O‘Leary) aufzubauen. Doch dieser Gegner ist aus anderem Holz geschnitzt als seine bisherigen Geschäftspartner, die er mit seiner jugendlichen Energie überrumpeln konnte. Marty hat ihn unterschätzt – was ihn in der Folge schwer in Bedrängnis bringt.

Josh Safdie bleibt auch nach der kreativen Trennung von seinem Bruder Benny („The Smashing Machine“) einer der rastlosesten Stilisten des amerikanischen Gegenwartskinos. Er richtet seinen Blick erneut auf Figuren, die sich mit unerschütterlichem Selbstvertrauen in den Abgrund treiben. „Marty Supreme“ verlegt diese vertraute Safdie-Dynamik in ein ungewöhnliches Umfeld: die Welt des Tischtennissports im New York der 1950er Jahre.
Diese Figurenkonstellation steht zugleich in einer langen Tradition des amerikanischen Autorenkinos. Safdies Filme erinnern in ihrer Mischung aus urbaner Hektik, moralischer Ambivalenz und selbstzerstörerischen Protagonisten an das New-Hollywood-Kino der 1970er Jahre. Besonders die Werke von Martin Scorsese und John Cassavetes lassen sich hier als Vorbilder erkennen. Cassavetes’ „The Killing Of A Chinese Bookie“ (1976) etwa erzählt ebenfalls von einem Mann, der sich aus einer Mischung aus Größenwahn und Verzweiflung immer tiefer in eine Spirale aus Schulden und Fehlentscheidungen manövriert.
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Scorseses fiebrige Großstadtfilme wie „Hexenkessel“ (1973), „Taxi Driver“ (1976) oder „New York, New York“ (1977) wiederum prägten das Tempo und den nervösen Rhythmus, der sich auch in Safdies Inszenierungen wiederfindet. „Marty Supreme“ führt diese Tradition fort: Im Zentrum steht kein klassischer Held, sondern ein Getriebener, dessen Ehrgeiz und Selbstüberschätzung ihn immer weiter nach oben treiben – und gleichzeitig Schritt für Schritt in den Abgrund führen.
Inspiriert vom realen Tischtennisspieler und Lebenskünstler Marty Reisman (1930-2012) erzählt „Marty Supreme“ schließlich von genau so einer Figur: einem Mann, der den amerikanischen Traum nicht nur jagt, sondern ihn mit allen Mitteln erzwingen will – selbst wenn er dabei jede moralische Grenze überschreitet.
Safdie interessiert sich dabei weniger für eine klassische Sportgeschichte als für das Porträt eines Menschen, der sich selbst zum Mittelpunkt seiner Welt erklärt. „Marty Supreme“ funktioniert als bitterkomische Tragödie über den zerstörerischen Kern des Erfolgsstrebens. Der Film zeigt einen Mann, der jede Chance zur Selbstreflexion ignoriert und stattdessen immer neue Eskalationen provoziert. Gerade diese Mischung aus Größenwahn, Selbstüberschätzung und unerschütterlicher Überzeugung macht Marty zu einer gleichermaßen abstoßenden wie faszinierenden Figur.

Formal bleibt Safdie seinem Stil treu. Die Kamera rückt dem Protagonisten permanent auf den Leib: mittlere Einstellungen und extreme Nahaufnahmen dominieren das Bild und lassen kaum Raum zum Atmen. Die Welt des Films erscheint dadurch wie ein Tunnel, in dem sich alles auf Marty konzentriert. Weite Einstellungen sind selten und dienen meist dazu, seine rastlosen Bewegungen durch das New Yorker Straßenleben der Fünfziger sichtbar zu machen. Das Ergebnis ist ein nervös pulsierender Rhythmus, der die manische Energie der Hauptfigur direkt auf das Publikum überträgt.
Timothée Chalamet („Like A Complete Unknown“) trägt diesen Ansatz mit einer mutigen Darstellung. Sein Marty ist kein charmanter Hochstapler, sondern ein unangenehmer Egomane, der seine Umgebung rücksichtslos ausnutzt. Gerade weil die Figur kaum Entwicklung zeigt, liegt die Herausforderung darin, das Publikum dennoch bei der Stange zu halten.
Chalamet gelingt das durch eine Mischung aus überdrehtem Charisma, verletzlicher Unsicherheit und aggressiver Selbstinszenierung. Die Nebenfiguren – darunter Odessa A’zion („Hellraiser“) als zeitweilige Geliebte und Gwyneth Paltrow („Avengers: Endgame“) als abgeklärte Filmdiva – spiegeln dabei vor allem die zerstörerische Wirkung seiner Selbstbezogenheit.

Auch auf audiovisueller Ebene verstärkt Safdie die fiebrige Atmosphäre. Daniel Lopatins elektronische Kompositionen legen sich wie ein nervöses Flimmern über die Bilder und verbinden sich mit einer auffälligen Musikauswahl (legendäre Songs wie Alphavilles „Forever Young“ oder Tears For Fears’ „Everybody Wants To Rule The World“) zu einer fast traumartigen Zeitreise.
Gleichzeitig arbeitet der Film mit wiederkehrenden Situationen und eskalierenden Begegnungen, die den Eindruck erzeugen, dass Marty in einer Spirale aus Ehrgeiz und Selbstsabotage gefangen ist.
Fazit: „Marty Supreme“ ist ein grandios-fiebriges Charakterporträt über Größenwahn und den Preis des Erfolgs. Josh Safdie erzählt die Geschichte eines selbstzerstörerischen Aufsteigers mit der ihm eigenen stilistischen Wucht und findet in Timothée Chalamet einen Hauptdarsteller, der diese Mischung aus Charme und Abgründigkeit eindrucksvoll verkörpert. Das Ergebnis ist ein ebenso anstrengender wie faszinierender Film über einen Mann, der den amerikanischen Traum jagt – und dabei vor allem sich selbst zerstört.