Kurtuluş

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Filmkritik „Kurtuluş“ („Salvation“): Emin Alpers beklemmende Parabel über Macht, Religion und Gewalt

Mit „Kurtuluş“ („Salvation“) präsentiert der türkische Regisseur Emin Alper im Wettbewerb der Berlinale ein düsteres Drama über Macht, Angst und kollektive Selbsttäuschung. In der kargen Landschaft Anatoliens entwickelt sich eine Geschichte, in der religiöser Eifer und alte Fehden eine explosive Mischung bilden.

Emin Alper gehört seit Jahren zu den spannendsten politischen Stimmen des türkischen Kinos, und auch sein neuer Film „Kurtuluş“ (internationaler Titel: „Salvation“) fügt sich nahtlos in diese Tradition ein. Wie schon in früheren Arbeiten interessiert ihn weniger der offene Konflikt als die gesellschaftliche Atmosphäre, die ihn möglich macht. Auf der Berlinale wirkt „Kurtuluş“ deshalb wie ein stiller, aber unüberhörbarer Kommentar zu Gegenwartspolitik und kollektiven Identitätsfantasien – kein klassischer Konfliktfilm, sondern eine Studie über die langsame Radikalisierung einer Dorfgemeinschaft.

Handlung von „Kurtuluş“ („Salvation)“

Im Zentrum steht ein abgelegenes Dorf im anatolischen Hochland, dessen fragile Ordnung auf einer alten Landfrage ruht. Während der Unruhen vergangener Jahre floh der wohlhabende Bezari-Clan aus der Region, während die rivalisierenden Hazerons blieben und sich als staatlich bewaffnete Hüter der Gegend etablierten. Als die Bezaris plötzlich zurückkehren, um ihre Felder zurückzufordern, beginnt die fragile Balance zu bröckeln.

Zwischen den Fronten stehen zwei Brüder. Der jüngere Scheich Ferit (Feyyaz Duman) predigt als spirituelle Autorität vorsichtige Versöhnung. Sein älterer Bruder Mesut (Caner Cindoruk) hingegen begegnet den Rückkehrern mit misstrauischer Härte. Als seine Frau Gülsüm (Özlem Taş) erfährt, dass sie Zwillinge erwartet, deutet Mesut das Ereignis als unheilvolles Zeichen. Aus persönlicher Unsicherheit wächst langsam ein fanatischer Glaube – und aus einem Dorfkonflikt droht ein religiös aufgeladenes Machtspiel zu werden.

Caner Cindoruk in „Kurtulus“ (© Liman Film)
Caner Cindoruk in „Kurtulus“ (© Liman Film)

Radikalisierung, Macht und kollektive Erinnerung

Emin Alper („Burning Days“) interessiert sich weniger für die äußere Dynamik des Konflikts als für dessen psychologische Infrastruktur. Das karge, aber atemberaubende anatolische Hochland erscheint hier nicht als realistischer Schauplatz, sondern als emotionaler Resonanzraum: trocken, spröde, voller unausgesprochener Spannungen. Die Landschaft wirkt wie ein stummer Zeuge eines Konflikts, der längst mehr mit Erinnerung als mit tatsächlichem Besitz zu tun hat.

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Zentral ist Mesuts Figur, eindringlich gespielt von Caner Cindoruk (der mit seinem grau melierten Bart auch als anatolischer Cousin von George Clooney aus „The Midnight Sky“ durchgehen könnte). Alper zeichnet ihn als Mann, der aus einem Gefühl permanenter Demütigung heraus handelt. Mesut ist der ältere Bruder, dem die Führungsrolle verwehrt blieb – eine biografische Kränkung, die er zunehmend durch religiöse Gewissheiten kompensiert. Der Film beobachtet präzise, wie persönliche Frustration in kollektive Ideologie überführt wird. Mesut verwandelt private Ängste in politische Narrative und inszeniert sich selbst als Verteidiger einer bedrohten Gemeinschaft.

Atemberaubende Atmosphäre

Visuell unterstreicht Alper diese Entwicklung mit einer zunehmend unruhigen Bildsprache. Tagsüber erscheint das Dorf fast pastoral, doch nachts verwandeln sich die engen Gassen in ein klaustrophobisches Labyrinth aus Schatten und flackernden Lichtquellen. Traumsequenzen – bevölkert von geisterhaften Figuren und symbolischen Bildern – lösen die Grenze zwischen Realität und Wahrnehmung auf. Der Zuschauer wird so in Mesuts wachsende Paranoia hineingezogen, ohne dass der Film je eindeutig erklärt, was real und was Projektion ist.

Gleichzeitig bleibt „Kurtuluş“ ein politischer Film. Alper zeigt, wie leicht sich kollektive Identität in eine Rechtfertigungsmaschine für Gewalt verwandeln kann. Erinnerungen an vergangene Opfer werden zu moralischem Kapital, das neue Aggression legitimiert. Besonders eindringlich ist dabei, wie patriarchale Machtstrukturen jede Gegenstimme – vor allem die der Frauen – systematisch marginalisieren.

Fazit: „Kurtuluş“ („Salvation“) ist ein düsterer, atmosphärisch dichter Blick auf die Mechanik von Radikalisierung und kollektivem Wahn. Regisseur Emin Alper verbindet politisches Kino mit beinahe albtraumhafter Bildsprache – nicht immer subtil, aber durchgehend wirkungsvoll. Eine Parabel, die weniger laut anklagt als langsam vergiftet – und gerade deshalb lange nachwirkt.

Wir haben „Kurtuluş“ („Salvation“) auf der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film im Wettbewerb lief und seine Weltpremiere feierte.

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