Ein nervenaufreibender Polit-Thriller über Whistleblower, Medienmacht und moralische Integrität: Michael Mann inszeniert mit „Insider“ ein dialogstarkes Meisterwerk voller Spannung und Atmosphäre.
1995 feierte Michael Mann mit „Heat“ seinen bis dahin sicherlich größten Leinwanderfolg. Er brachte nicht nur die beiden Superstars Robert De Niro und Al Pacino erstmals gemeinsam vor die Kamera, sondern lieferte auch ein stilistisches Meisterwerk ab, welches sich erheblich aus der Masse der Beiträge dieses visuell eher drögen Kinojahrzehnts abhob. Die Frage war, wie er danach an diese Großtat anknüpfen sollte? Die packende Antwort liefert der Medien-Thriller „Insider“.
Handlung von „Insider“
Bei der Suche nach einem Spezialisten, der ihm interne Unterlagen einer Zigarettenfirma verständlich aufarbeiten soll, stößt der investigative CBS-Journalist Lowell Bergman (Al Pacino) auf den Wissenschaftler Jeffrey Wigand (Russell Crowe), der gerade von der Firma Johnson & Johnson entlassen wurde. Mit seinem scharfen Gespür erkennt Bergman schnell, dass Wigand eine viel bessere Story zu erzählen hat. Tatsächlich hält ihn nur eine Verschwiegenheitsklausel in seinem Vertrag davon ab, aufzudecken, dass die großen Tabakfirmen bewusst den Suchtfaktor von Zigaretten zu steigern versuchen, obwohl deren Chefs vor einem Untersuchungsausschuss des Kongresses verneint haben, dass ihre Produkte abhängig machen.
Mit viel Überzeugungsarbeit bringt er Wigand dazu, eine Aussage vor Gericht zu machen, damit er anschließend ein Interview für CBS geben kann. Doch als der Beitrag fertig geschnitten ist, soll er im Giftschrank des Senders verschwinden, der eine Klage der Tabakkonzerne fürchtet. Während Bergman seine Glaubwürdigkeit gefährdet sieht, zerbricht Wigands Familie unter dem Druck des ehemaligen Arbeitgebers.
Nach dem Actionfeuerwerk „Heat“ mit seinem spektakulär inszenierten Bankraub nahm sich Michael Mann eines Themas an, welches auf den ersten Blick fast langweilig anmuten mag, aus dem er jedoch einen spannenden Polit- und Medien-Thriller entwickelt. Der Fall Wigands und seines vom Sender CBS zurückgehaltenen Interviews erregte 1994 die Öffentlichkeit. Mann wurde vermutlich durch den viel beachteten Artikel „The Man Who Knew Too Much“ von Marie Brenner im Magazin „Vanity Fair“ auf ihn aufmerksam. Tatsächlich lieferte er zwei Geschichten auf einmal.
Die erste Hälfte des Films fokussiert sich darauf, wie Bergman Wigand zum Interview überreden möchte. Dieser Teil wird ganz getragen vom überlegenen Spiel Russell Crowes. Für den Film legte er an Gewicht zu und ließ sich die Haare ausdünnen. Sein Jeffrey Wigand hat auf den ersten Blick nichts Heldenhaftes an sich. Sein Auftreten wirkt schüchtern, seine Bewegungen linkisch, auf den ersten Blick ist Wigand ein Durchschnittsmensch. Selbst die auf den zweiten Blick in den Vordergrund rückende moralische Integrität, mit der er sich gegen den Druck seines ehemaligen Arbeitgebers stemmt und darüber den Verlust seiner Familie in Kauf nimmt, erscheint letztlich eher ein Resultat einer verbohrten Sturheit zu sein, denn Wigand entscheidet sich erst dann zum Interview, als sein ehemaliger Chef von ihm eine Erweiterung seiner Verschwiegenheitsklausel fordert.
Zwei Schauspielgiganten im moralischen Konflikt
Noch kurz vor seinem eigentlichen Durchbruch mit dem direkt im Anschluss gedrehten „Gladiator“ demonstrierte Crowe als Jeffrey Wigand seine ganze schauspielerische Klasse und behauptete sich sogar gegenüber Al Pacino, der als Lowell Bergman diesmal auch eine etwas geerdetere Performance abliefert als zuvor in „Heat“. Präsentierte Mann dort ein klassisches Antagonistenduo, lebt „Insider“ erneut vom Spiel zweier schauspielerischer Schwergewichte, die allerdings ganz unterschiedliche Charaktere kreieren, welche ein eigenwilliges Bündnis eingehen. Neben dem Hauptdarstellerduo glänzt vor allem Altstar Christopher Plummer als Bergmans Vorgesetzter Mike Wallace.
Die erste Hälfte des Films mit seinen juristischen Tricksereien, die Wigands Aussage ermöglichen und absichern sollen, erinnert noch an vergleichbare Justiz-Thriller, wie dem 1993 erschienenen „Die Firma“ von Sidney Pollack, Jonathan Demmes „Philadelphia“ (1993) oder dem kurz nach „Insider“ erscheinenden „Erin Brockovich“ (2000) von Steven Soderbergh.
Journalismus zwischen Wahrheit und Angst
Es ist das letzte Drittel des Films, welches die eigentlich interessante Geschichte erzählt. Sowie das Interview im Kasten ist, weigert sich der Sender CBS es aus Angst vor einer Klage auszustrahlen, paradoxerweise nicht, weil Wigands Aussage angezweifelt werden könnte, sondern gerade, weil sie wahr erscheint.
Damit beraubt sich der Sender aber selbst seiner Funktion als demokratisches Kontrollorgan. Es ist vielleicht die einzige, allerdings narrativ nachvollziehbare Schwäche des Films, dass Crowes Wigand nun in den Hintergrund rückt, während Bergman de facto als zweiter Insider auftritt. Denn um seinen eigenen Sender unter Druck zu setzen, gibt er selbst die Interna über das gecancelte Interview an die Presse weiter. Anders als Wigand geht es dem prinzipientreuen Linken um seine journalistische Integrität.
Mit „Insider“ gelingt Mann nach „Heat“ ein weiteres Meisterwerk, das durch hohe erzählerische Dichte und gelungene Charakterzeichnung ebenso glänzt, wie durch eine perfekte Inszenierung, für die erneut Kameramann Dante Spinotti verantwortlich zeichnet. Allerdings verzichten beide auf die im Vorgängerfilm so brillanten Farbspielereien und konzentrieren sich stärker auf die präzise Inszenierung jedes einzelnen Bildes, die immer wieder auch eine wundervolle Symbiose mit den Musikstücken des unter anderem von Lisa Gerard und Pieter Jan Brugge komponierten Soundtracks eingehen.
Typische Michael-Mann-DNA
In einer Zeit, als Kino bereits zunehmend hastiger und schneller wurde, nahm sich Michael Mann Zeit, seine Filme Bild für Bild zu erzählen und erinnert ein wenig an eine moderne, amerikanische Version eines Sergio Leone oder Jean-Pierre Melville aber mit einer eigenen, unverwechselbaren Handschrift. Zwar transportiert der Film viel von seiner Botschaft über prägnante Dialoge und das starke Spiel der Hauptdarsteller, aber es gehört zur DNA eines Michael-Mann-Films, dass er immer wieder einen Gang herausnimmt und Gefühle nur über Bilder und Musik erzeugt.
Trotz sieben Nominierungen ging „Insider“ im Frühjahr 2000 leer aus, was besonders in den Kategorien Regie (Mann), Hauptdarsteller (Crowe) und Kamera (Spinotti) verwundert, in denen er jeweils „American Beauty“ unterlag. Auch an den Kinokassen blieb er trotz überwältigender Kritiken leider hinter den Erwartungen zurück und spielte bei einem Budget von 90 Millionen Dollar gerade einmal ein Drittel seiner Herstellungskosten wieder ein. So trifft auch auf „Insider“ das Paradoxon zu, dass er eher zu viel gekostet, als zu wenig eingespielt hat, denn bei aller Qualität besitzt das Thema wohl zu wenig Attraktivität für ein breites Massenpublikum.
Fazit: Perfekte Spannung, grandiose Hauptdarsteller, tolle Optik, „Insider“ gehört zu den Highlights aus Michael Manns Werk.