Der Italo-Thriller „In den Klauen der Mafia“ verlegt das klassische Western-Motiv aus „Für eine Handvoll Dollar“ in die brutale Mafiawelt der 70er – stilistisch stark und kompromisslos inszeniert.
Mitte der 70er Jahre hauchte der harte Italowestern sein Leben aus. Doch die toughen Typen, deren wichtigste Handlungsmotive entweder Geld oder Rache waren, lebten in den Thrillern und Actionfilmen der Dekade weiter. Eine kleine Perle des Genres ist ein direktes Remake des ersten großen italienischen Western „Für eine Handvoll Dollar“: Stelvio Massis „In den Klauen der Mafia“.
Handlung von „In den Klauen der Mafia“
Der einsame Tramp Marco Russo (Carlos Monzón) erreicht eine Stadt irgendwo im Norden Italiens, auf der Suche nach Arbeit. Schnell stellt er fest, dass alle Geschäfte entweder über den Clan der Manzetti oder der Belmondos abgewickelt werden. Marco beschließt, sein Glück zunächst mit Rico Manzetti (Luc Merenda) zu versuchen, der zunächst Gefallen an den kämpferischen Qualitäten des Süditalieners findet. Bald muss er jedoch feststellen, dass Marco ein doppeltes Spiel spielt und ihn gegen seinen Erzrivalen Bobo Belmondo (Mario Brega) auszuspielen versucht. Tatsächlich ist Marco nicht zufällig in seiner Stadt aufgekreuzt.
Ein Fremder kommt in eine Stadt und spielt zwei rivalisierende Banden gegeneinander aus. Dieses auf Dashiell Hammets Roman „Rote Ernte“ zurückgehende Sujet bildet die Grundlage zweier absoluter Filmklassiker, Akira Kurosawas „Yojimbo“ und dessen Italowestern-Remake „Für eine Handvoll Dollar“, mit dem Sergio Leone seinen Durchbruch feierte, sowie auch Walter Hills Actionvehikel „Last Man Standing“. Stelvio Massis „In den Klauen der Mafia“ baut auf der gleichen Idee auf, was kaum verwunderlich ist, verdiente sich Massi seine ersten cineastischen Sporen als zweiter Kameramann in Leones Film.
Die Geschichte, die er erzählt, passt eigentlich hervorragend in das Italien der Siebziger, auch wenn die namentlich nicht genannte Stadt sich in einem seltsam rechtsfreien Raum zu befinden scheint. Die Polizei kommt eigentlich nicht vor und ein hochrangiger Staatsanwalt, der Rico Manzetti zu dicht auf die Pelle rückt, wird von diesem auf offener Straße einfach aus dem Weg geräumt – ohne, dass er die Konsequenzen fürchten muss. Was auf den heutigen Zuschauer als beinahe groteske Übertreibung wirken muss, erscheint vor dem Hintergrund der „bleiernen“ 70er Jahre in Italien, als Terroristen und kriminelle Banden überall Schlagzeilen machten und die Sehnsucht italienischer Kinogänger nach eisenharten Superbullen befeuerte, alles andere als unglaubwürdig, auch wenn Massi die Untätigkeit oder Hilflosigkeit des Staates hier bewusst überspitzt in Szene setzt.
Marco Russo steht stellvertretend für viele Süditaliener, die in den Zeiten des italienischen Wirtschaftsbooms aus dem ärmeren Sizilien und Kalabrien in die Industriestädte des Nordens abwanderten und dort ausgebeutet wurden, was unter anderem schon Carlo Lizzanis „Der Sizilianer“ thematisierte, in welchem Bud Spencer eine seiner wenigen ernsten, sozialkritischen Rollen verkörperte. „In den Klauen der Mafia“ ist dagegen ein klarer Vertreter des italienischen Exploitation-Kinos, auch wenn er diese Themen doch recht deutlich aufgreift.
Starke Darsteller und markante Schurkenfigur
Die Geschichte ist gut strukturiert und zeigt immer wieder Verweise auf die ersten beiden „Dollar“-Filme. Der von Luc Merenda gespielte Rico Manzetti orientiert sich klar an Gian Maria Volontés Ramon Rojo mit seinem Fetisch für Waffen. Der gutaussehende Meranda spielte in den Siebzigern überwiegend harte Helden im italienischen „Dirty Harry“-Style, beweist aber hier, dass er ohne weiteres auch Schurkenrollen glaubhaft verkörpern kann. Von seinem Rico Manzetti geht ständig eine Bedrohlichkeit aus, die die Szenen beherrscht und sich teilweise zu einem schwelgerischen Sadismus steigert.
Interessanterweise war Merenda von dem Film nicht sehr angetan, obwohl er eine seiner besten Performances abliefert. Da er aber zunächst nur ein grobes Treatment ausgehändigt bekam, glaubte er, er würde eine Art Bruder von Carlos Monzón spielen, den er als Boxer mochte, weswegen er dem Projekt zusagte. Dass seine Figur der Hauptschurke war, behagte ihm überhaupt nicht, dabei hebt sich die Rolle angenehm von den vielen Cops von der Stange ab, die er zu dieser Zeit verkörperte.
Sein Konkurrent Bebo Belmondo wurde vom Römer Mario Brega verkörpert, der in fast allen von Leones Filmen mal kleinere, mal größere Nebenrollen gespielt hatte. Die Hauptrolle ging an den seinerzeit legendären Ex-Mittelgewichts-Weltmeister Carlos Monzón, dessen fehlende Schauspielerfahrung sich in einem eher reduzierten Spiel ausdrückt, welches aber der Verschlossenheit seiner Figur entgegenkommt und es Meranda erlaubt, seinem Rico die nötige Dominanz zu verschaffen.
Monzóns Marco Russo trägt ständig eine Spieluhr mit sich, die dem erfahrenen Italowestern-Gänger schnell verrät, dass seine Figur nicht von Geldgier, sondern den Schatten der Vergangenheit getrieben wird. Colonel Mortimer aus „Für ein paar Dollar mehr“ lässt grüßen. Der italienische Kinogänger konnte dies sicherlich schon aus dem Originaltitel ableiten („Il conto è chiuso“ heißt „Die Rechnung ist beglichen“).
Stilvolle Inszenierung und eindrucksvoller Soundtrack
Inszenatorisch ist der Film hervorragend umgesetzt. An den vielen verspielten Kameraeinstellungen ist Massis Herkunft als Kameramann gut erkennbar. Gelegentlich setzt er Zeitlupen im Sam Peckinpah-Style ein, die unter italienischen Regisseuren damals sehr beliebt waren und die in der Regel gut rüberkommen. Die einzige Ausnahme bildet die Eröffnungsschlägerei Marco Russos, bei der durch die Slow-Mo klar zu sehen ist, dass viele Faustschläge ihr Ziel verfehlen, obwohl Monzón in den Schlägereien natürlich besser zu überzeugen weiß als so mancher Schauspieler der Zeit. Insbesondere Szenen sexueller Gewalt können auch dem heutigen Zuschauer noch Unbehagen bereiten.
Tatsächlich gehörte eine Vergewaltigung damals schon fast zum Standard italienischer Exploitation-Filme, während Belmondos Charakter als Stripclubbesitzer eine weitere Gelegenheit bot, nackte Haut zu zeigen. Die narrative Vorlage des Films, in welcher Merenda Charakter eine Frau gegen ihren Willen als Geliebte unterhält, die von Marco Russo befreit wird, lässt die sexploitativen Elemente in diesem Film weniger Selbstzweckhaft wirken, als die bei anderen Genrevertretern der Zeit der Fall ist, sondern trägt glaubhaft zur Dämonisierung Manzettis bei.
Für den Score zeichnet mit Luis Enriquez Bacalov einer der besten europäischen Komponisten dieser Zeit verantwortlich. Neben der leitmotivisch eingesetzten Spieluhr setzt Bacalov einfache Gitarrenklänge und Panflöten, sowie Synthesizereffekte, die den Film mitunter als einen einzigen (Alb-) Traum wirken lassen.
Fazit: „In den Klauen der Mafia“ ist sicherlich die am wenigsten bekannte Verfilmung von Dashiell Hammets Romanklassiker „Rote Ernte“, aber durchaus nicht die schlechteste. Sehr gut inszeniert und mit einem schönen Soundtrack und einem hervorragenden Schurken weiß der Film auch heute nicht nur Fans des alten Italo-Kinos zu überzeugen.