Ein Mordfall, viele Wahrheiten: „His & Hers“ ist eine atmosphärisch dichte Netflix-Thriller-Serie, die klassische Krimi-Mechaniken mit Neo-Noir-Stimmung und einem bitteren Beziehungsdrama verbindet.
In der Geschichte von Film und Fernsehen wimmelt es vor brillanten Kriminalisten – sie stehen oft im Mittelpunkt, als geniale Einzelgänger oder charismatische Wahrheitsfinder. Ob Sherlock Holmes, Hercule Poirot oder jüngst sein schrulliger Nachfahre Benoit Blanc in „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“: Der Kriminalfall wird meist aus einer souveränen, kontrollierenden Perspektive erzählt. In Netflix’ Thriller-Serie „His & Hers“ hingegen kippt dieser Blick weg vom allwissenden Ermittler hin zu subjektiven Wahrheiten, emotionalen Abhängigkeiten – und der unangenehmen Frage, wem die Deutungshoheit überhaupt gehört. Denn Detective Jack Harper, die Hauptfigur, ist vermutlich einer der schlechtesten Detectives, die seit Längerem über den Bildschirm geflimmert sind. Was auf seine Umwelt wie Schlamperei wirkt, hat allerdings einen handfesten Grund: Harper ist selbst (wenn auch nicht offiziell) ein Hauptverdächtiger in einem Mordfall in einem Provinznest nahe Atlanta. „His & Hers“ treibt dieses Spiel mit kruden erzählerischen Volten konsequent auf die Spitze – bis hin zu einem Finale, das nach der vermeintlichen Auflösung noch einmal derart überraschend zuschnappt, dass man den Kai aus der Kiste rückblickend eher für einen Keyser Söze halten möchte. Und trotz aller Klischees und Grobheiten entfaltet die Serie einen kaum zu leugnenden Sog – nicht zuletzt dank des hochintensiven Spiels von Jon Bernthal und Tessa Thompson.
Die Handlung von „His & Hers“
Im kleinen Ort Dahlonega, unweit von Atlanta, herrscht Ausnahmezustand: Die wohlhabende Society-Frau Rachel Hopkins (Jamie Tisdale) wird brutal ermordet im Wald aufgefunden – 40 Messerstiche, ein Bild wie aus einem Albtraum. Detective Jack Harper (Jon Bernthal) und seine neue Kollegin Priya Patel (Sunita Mani) übernehmen die Ermittlungen, begleitet von viel medialem Getöse. An der Spitze der Reporterschar steht Anna Andrews (Tessa Thompson), die nach einem schweren Schicksalsschlag ein Jahr lang wie vom Erdboden verschluckt war – und nun in ihre Heimatstadt zurückkehrt, als hätte sie nur kurz Luft holen müssen. Sie geht sofort in die Vollen, veröffentlicht den Namen der Toten exklusiv für ihren Sender, obwohl die Polizei die Information nicht preisgegeben hatte. Harper kocht. Zumal er Anna, seine Ehefrau, seit dem Tod ihres gemeinsamen Kindes nicht mehr gesehen hat. Dazu weiß er selbst mehr über die Mordnacht, als er sagen will: Er hatte mit Rachel eine Affäre – und war mit ihr kurz vorher zusammen. Also lenkt er die Aufmerksamkeit lieber auf Rachels kranken Ehemann Clyde Duffie (Chris Bauer), der als naheliegender Verdächtiger bequem ins Bild passt.
Vibes von „No Way Out“: Neo-Noir-Einflüsse und klassische Thriller-DNA
„His & Hers“ basiert auf der gleichnamigen Buchvorlage von Alice Feeney aus dem Jahr 2020. In seiner DNA trägt die sechsteilige Serie unverkennbar die Vibes des paranoiden Neo-Noir-Thriller-Klassikers „No Way Out – Es gibt kein Zurück“: Ein Mann gerät ins Zentrum eines Falls, den er scheinbar steuert – und merkt erst spät, dass jede Bewegung ihn tiefer in ein Netz aus Täuschung, Macht und Selbstverrat zieht. Ermittlungsarbeit wird zur Pose, Wahrheit zur Verhandlungsmasse, Moral zum bloßen Kollateralschaden. Das ist klassischer Noir-Stoff: Nicht Aufklärung ist das Ziel, sondern das Überleben in einem System, das sich seine Schuldigen selbst zusammenbaut.
Dabei liegt der eigentliche Reiz der Serie in ihrem Grundwiderspruch. „His & Hers“ gibt sich als sauberer Whodunit, ist aber im Kern ein Beziehungs-Thriller mit offenem Nerv: Misstrauen als Lebensform, Trauer als Dauergift, Erinnerung als Waffe. Die Spannung entsteht trotz einer sich entwickelnden Mordserie nicht aus permanenten Schockmomenten, sondern aus der kontrollierten Informationsvergabe. Hier wird den Figuren nicht nur ständig der Boden unter den Füßen weggezogen, sondern zugleich der Raum immer weiter verengt – bis jede Bewegung sie tiefer in den Schlamassel führt.
Diese Wirkung verstärkt die klare Neo-Noir-Grundierung, die der US-Süden dankbar hergibt: Postkartenidylle mit fauligem Untergrund. Und mittendrin Anna und Jack – zwei Menschen, die sich zu gut kennen müssten, um einander zu fürchten, und sich doch anschauen, als wäre der andere ein Fremder. Das eigentliche Grauen ist hier oft nicht die Tat, sondern die Möglichkeit, Jahre mit jemandem geteilt zu haben, der sich als möglicher Gegner entpuppt. Oder schlimmer: immer schon einer war.
Getragen wird das von Tessa Thompson („Creed“) und Jon Bernthal („The Accountant 2“), die ihre Figuren, eigentlich nur bloße Thriller-Schablonen, als beschädigte Erwachsene spielen, die gelernt haben, funktionsfähig zu bleiben. Thompson verleiht Anna eine scharfkantige Präsenz: kontrolliert, angriffslustig, gelegentlich bewusst drüber – als würde die Figur selbst spüren, wie sehr sie gerade Rollen spielt, um nicht zu zerbrechen. Bernthal macht Jack zu einem Mann im Dauer-Alarmzustand: jede Geste Abwehr, jedes Wort ein Schritt über Minen. Wenn beide zusammen im Bild sind, knistert kurz das, was „His & Hers“ im besten Fall sein könnte: ein böses, intimes Kammerspiel über Schuld, Projektion und die Unmöglichkeit, Liebe und Wahrheit sauber zu trennen.
Problematisch wird es, sobald die Serie aufs Gas tritt. Dann kippt das elegante Perspektivspiel stellenweise in Mechanik. Verdächtige werden aufgestellt wie Pappkameraden, Nebenfiguren wirken zeitweise wie bewusst eingestreute Ablenkungsmanöver, und Hinweise tauchen mitunter genau dann auf, wenn das Drehbuch sie gerade braucht.
Fazit: „His & Hers“ ist keine Genre-Revolution, aber ein stabil gebauter, oft packender Mystery-Psycho-Thriller mit deutlicher Neo-Noir-Schattierung – und mit einem irren Finale, das nicht einfach nur abhakt, sondern noch einmal genüsslich nachsetzt. Gleichzeitig bleibt das Gefühl, dass hier ein noch stärkeres Drama über Ehe, Trauer und Selbsttäuschung möglich gewesen wäre, hätte die Serie ihrem eigenen Beziehungsabgrund konsequenter vertraut und weniger dem Whodunit-Pflichtprogramm. Trotzdem: gut gespielt, atmosphärisch dicht und höchst unterhaltsam.