Heysel 85

3/5

Filmkritik „Heysel 85“: Beklemmendes Drama über Verantwortung statt Stadionkatastrophe

Politisches Drama über die Heysel-Katastrophe 1985: „Heysel 85“ zeigt Behördenversagen, Machtstrukturen und Verantwortung – formal stark, dramaturgisch jedoch nicht immer überzeugend.

39 Menschen verloren am 29. Mai 1985 im Brüsseler Heysel-Stadion ihr Leben – ein Desaster, das keineswegs überraschend kam, sondern sich lange angekündigt hatte. Warnungen vor dem maroden Stadion, der miserablen Organisation und der aufgeheizten Fanlager wurden ignoriert, während Behörden versagten und Verantwortliche ihre Egos pflegten. Die belgisch-rumänische Regisseurin Teodora Ana Mihai rekonstruiert dieses kollektive Scheitern aus der Perspektive jener, die im Inneren der Machtapparate agierten. Ihr Film ist kein Sportdrama, sondern der Versuch, politische Verantwortung sichtbar zu machen. Mit einer Mischung aus dokumentarischer Rekonstruktion und fiktionaler Verdichtung entwirft sie ein Bild europäischer Selbstzufriedenheit, das in der Krise in sich zusammenfällt. Doch so eindringlich die Atmosphäre und so präzise manche Nachzeichnung des Ablaufs aus dem Bauch des Stadions geraten sind, bleibt der Film letztlich auf halbem Weg stehen: Statt die Ursachen der Katastrophe wirklich freizulegen, verliert sich die Erzählung zunehmend in Andeutungen – und wirkt damit fast so ausweichend wie jene Strukturen, die sie kritisieren will.

Handlung von „Heysel 85“

1985: Fans aus ganz Europa strömen nach Brüssel, um das Fußball-Europapokalfinale der Landesmeister zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool zu sehen. Mitten im Geschehen befinden sich Marie Dumont (Violet Braeckman), Pressesprecherin des Brüsseler Bürgermeisters Marc Dumont (Matteo Simoni), ihres Vaters, und der italienische Journalist Luca (Josse De Pauw), dessen Familie im Stadion sitzt. Noch vor dem Anpfiff eskaliert die Situation: Angriffe unter Fans lösen Panik aus, eine Mauer gibt nach, dutzende Menschen sterben in der Massenpanik. Während Luca verzweifelt nach seinen Angehörigen sucht, muss Marie die Verantwortung ihres zunehmend überforderten Vaters auffangen, der sich betrinkt und in Untätigkeit erstarrt. In den Katakomben des Stadions ringen Behörden und Funktionäre um eine folgenschwere Entscheidung: das Spiel abbrechen – oder weitermachen und hoffen, dass die Situation nicht noch weiter eskaliert.

Inszenierung und Perspektive: Macht statt Massenpanik

Regisseurin Teodora Ana Mihai („Waiting For August“) konzentriert ihre Erzählung bewusst auf Entscheidungsprozesse statt auf die Gewalt selbst und die Eskalation im Stadion. Der Blick richtet sich auf Sitzungsräume, Gänge und improvisierte Krisenzentralen – Orte, an denen Unsicherheit, Egoismus und politisches Kalkül aufeinandertreffen. Diese Perspektive erzeugt eine beklemmende Atmosphäre, lässt aber zugleich andere Aspekte der Tragödie, etwa die Dynamiken der Fan-Gewalt, weitgehend im Hintergrund. Dadurch wirkt der Film wie eine bewusste Verschiebung des Fokus: weg vom unmittelbaren Chaos, hin zu struktureller Verantwortung.

Formal überzeugt die internationale Koproduktion vor allem durch ihre herausragende visuelle und akustische Gestaltung. Auf 16-Millimeter-Material gedreht, besitzt das Bild eine körnige Textur, die Archivaufnahmen organisch einbindet. Besonders der Ton trägt zur Wirkung bei: entfernte Schreie, hallende Schritte und dumpfes Dröhnen vermitteln das Gefühl einer Katastrophe, die sich jenseits des Bildrandes entfaltet. Diese Zurückhaltung verstärkt die Beklemmung und vermeidet sensationsheischende Darstellung.

Dramaturgische Schwächen und blasse Figuren

Dramaturgisch hingegen verliert „Heysel 85“ zunehmend an Kraft. Die politischen Diskussionen drehen sich irgendwann im Kreis, Figuren werden zu Thesen¬trägern. Besonders problematisch ist die Zeichnung des Bürgermeisters als lächerlicher Trunkenbold und Witzfigur: Eine solch plakative Personalisierung strukturellen Versagens verharmlost eher, als dass sie erklärt. Auch die emotionalen Identifikationsfiguren Marie und Luca bleiben funktional; ihre persönlichen Konflikte wirken wie dramaturgische Werkzeuge statt echte menschliche Schicksale. So entsteht ein Film, der Empathie einfordert, ohne sie wirklich zu verdienen.

Fazit: „Heysel 85“ ist ein ernsthaftes, formal starkes, fast schon immersives Drama über Verantwortung und Erinnerungskultur. Die Entscheidung, die Tragödie des Heysel-Stadions – vor allem als Krise der Institutionen zu erzählen, verleiht dem Film eine klare Haltung, schränkt die Katastrophe jedoch zugleich seine Perspektivenvielfalt ein. Dennoch gelingt Regisseurin Teodora Ana Mihai ein nachdenklicher, bedrückender Film, der weniger Antworten liefert als Fragen stellt.

Wir haben „Heysel 85“ auf der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film in der Reihe „Berlinale Special Gala“ lief und seine Weltpremiere feierte.

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