
Fatih Akin nach „Amrum“: „Druck“-Star Eren M. Güvercin und Newcomerin Mariam Dawoud tragen „Geister“ – Kinostart im November
18.09.2026
Fatih Akins „Geister“ erzählt von einer Liebe, die der Tod zu früh beendet. Eren M. Güvercin und Mariam Dawoud tragen das hochemotionale Drama.
Manche Filme trägt ein Regisseur jahrelang mit sich herum, bevor sie tatsächlich entstehen. Bei Fatih Akin waren es mehr als zehn Jahre, in denen sich „Geister“ nach eigener Aussage entwickelte, bevor die Geschichte nun endlich auf die Leinwand kommt. Der deutsch-türkische Filmemacher erzählt eine tragische Liebesgeschichte, die von Anfang an mit großen Gefühlen arbeitet: Die Abiturienten Farasha und Faris lernen sich kennen, verlieben sich – und verlieren sich noch in derselben Nacht wieder. Von da an kann ihre Beziehung nur noch in Träumen weitergehen. Akin hält sich mit seinem Pathos nicht zurück. Seine cineastische Energie ist jedoch so groß, und Eren M. Güvercin und Mariam Dawoud sind so präsent, dass man ihm auch die dickeren emotionalen Momente abnimmt.
Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin) lernen sich auf einer Abifeier im Fernsehturm von Hamburg kennen. Beide sind 20, beide stehen am Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Zwischen ihnen funkt es an der Bar sofort. Doch noch in derselben Nacht verunglückt das Auto, in dem Faris, sein bester Freund Max (Gabriel-Winner Amorin), Farasha und ihre beste Freundin Una (Carlotta von Falkenhayn) unterwegs sind. Der Wagen landet im Hafenbecken, Farasha stirbt. Faris muss mit dem Verlust einer Frau umgehen, die er kaum gekannt hat und die ihm trotzdem bereits viel bedeutet. Dann taucht Farasha in seinen Träumen wieder auf. Für 40 Nächte kann sie zu ihm zurückkehren. Die beiden bekommen damit eine zweite Chance auf eine Beziehung, die im wirklichen Leben schon vorbei war, bevor sie richtig begonnen hatte.

Die Ausgangslage von „Geister“ ist heikel. Fatih Akin („Amrum“) verlangt in seinem 13. Spielfilm vom Publikum, eine große Liebe zwischen zwei Menschen zu glauben, die sich gerade erst kennengelernt haben. Akin erreicht das vor allem über die kleinen Momente zwischen den beiden: ihre anfängliche Unsicherheit, das gegenseitige Abtasten, die schnelle Vertrautheit. Sie reden nicht wie ein Paar, das sich schon ewig kennt. Sie wirken wie zwei junge Menschen, die gerade erst merken, dass aus dieser Begegnung mehr werden könnte. Genau dieses Unfertige macht ihren Verlust glaubhaft.
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Der Theater-erfahrene Jungstar Eren M. Güvercin („Druck,“ „Euphorie“, „Banksters“) ist dabei herausragend charismatisch. Sein Faris hat eine auffällige Mischung aus Offenheit und Zurückhaltung. Er muss nicht viel tun, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ein Lächeln, ein irritierter Blick oder die Art, wie er Farasha zuhört, reichen oft aus. Nach ihrem Tod verändert sich dieses Spiel. Faris zieht sich zurück, wirkt körperlich anwesend, aber gedanklich längst woanders. Güvercin spielt die Trauer nicht als permanente Verzweiflung, sondern lässt sie in kleinen Momenten durchbrechen. Sobald Farasha in seinen Träumen wieder auftaucht, kehrt für kurze Zeit etwas von seiner früheren Leichtigkeit zurück. Gerade dieser Wechsel macht seine Figur so greifbar.

Newcomerin Mariam Dawoud hält als Farasha in ihrer ersten Kinorolle überzeugend dagegen. Die in Österreich lebende Syrerin hat eine natürliche Präsenz und gibt der Figur von Anfang an mehr als nur romantische Sehnsucht. Farasha flirtet, scherzt und genießt die Zeit mit Faris, bekommt aber auch Angst davor, dass ihre gemeinsamen Tage ablaufen. Später kippt diese Sehnsucht zunehmend ins Festhalten. Dawoud spielt das nicht als reine Bosheit, sondern lässt erkennen, dass Farasha selbst nicht akzeptieren kann, dass ihre Zeit vorbei ist. Dadurch bleibt die Figur widersprüchlich. Beide Darsteller heben den Film über seine gelegentlich sehr dick aufgetragenen Gefühle hinaus.
Denn Akin macht es ihnen nicht immer leicht. Die Musik schwillt an, Gefühle werden groß ausgestellt und manche Bilder tragen ihre Bedeutung ziemlich demonstrativ vor sich her. „Geister“ schämt sich nicht für sein Pathos. Wer bei großen Liebesgeschichten schnell die Augen verdreht, dürfte hier seine Momente haben. Die beiden Hauptdarsteller halten den Film trotzdem auf dem Boden.
Auch die Inszenierung setzt stark auf Atmosphäre. Hamburg sieht in Frank Griebes Bildern teilweise aus wie Hamburg-Tourism-Porn: leere Straßen, Wasser, Dächer und nächtliche Fassaden. Die Stadt wirkt dadurch weniger gegenwärtig und bekommt etwas Traumhaftes. Das passt zu den Szenen, in denen Faris zwischen seinem Alltag und den Begegnungen mit Farasha wechselt. Akin braucht dafür keine aufwendige Geisterwelt. Ein leerer Raum oder eine Straße bei Nacht genügt.

Ganz unproblematisch ist Farashas Rolle allerdings nicht. Sie hält Faris immer wieder bei sich und verhindert damit auch, dass er sein eigenes Leben weiterführt. Das erinnert auf eigentümliche Weise an Chris Pratts Figur Jim Preston in dem Sci-Fi-Liebesdrama „Passengers“ (2016), der Jennifer Lawrences Aurora 90 Jahre vor der geplanten Ankunft des Raumschiffs aus dem Kälteschlaf holt – aus reinem Eigennutz. Auch dort entscheidet ein Mensch über die Zukunft eines anderen, weil er selbst nicht allein sein will. In „Geister“ wird daraus ein Konflikt zwischen Liebe, Trauer und Loslassen.
Akin interessiert sich weniger dafür, die Regeln seiner Geisterwelt zu erklären. Die 40 Nächte geben der Geschichte jedoch einen klaren zeitlichen Rahmen. Entscheidend ist, was Faris und Farasha mit dieser Zeit anfangen. Manchmal findet der Film dafür sehr schöne, stille Momente. Manchmal verweilt Akin aber auch zu lange bei seinen Bildern und Gefühlen. Nicht jede Einstellung muss so deutlich zeigen, wie wichtig sie sein möchte.
Fazit: „Geister“ ist nicht perfekt und hat seine Mängel. Regisseur Fatih Akin trägt seine Gefühle gelegentlich zu dick auf und verliert sich manchmal in der eigenen Bildsprache. Trotzdem steckt in dieser Tragödie eine enorme cineastische Energie. Vor allem Hauptdarsteller Eren M. Güvercin ist überragend, Mariam Dawoud steht ihm als Farasha kaum nach. Sie machen aus einer sehr sentimentalen Liebesgeschichte etwas Glaubwürdiges. Das reicht am Ende für einen sehenswerten Film.
Wir haben „Geister“ auf dem Filmfest Hamburg gesehen, wo der Film seine Deutschlandpremiere feierte.
Hinter den Kulissen
„Geister“ ist der neue Film von Fatih Akin, der gemeinsam mit Ruth Toma auch das Drehbuch schrieb. Der Film entstand unter dem Arbeitstitel „Geister weinen nicht“ und verbindet Liebesgeschichte und Fantasy. Für die Hauptrollen wurden Mariam Dawoud und Eren M. Güvercin besetzt. Zum weiteren Ensemble gehören unter anderem Lama Alhalabi, Carlotta von Falkenhayn, Gabriel-Winner Amorim, Anna Bederke und David Schütter. Für die Kamera arbeitete Akin erneut mit Frank Griebe zusammen, der unter anderem „Lola rennt“ und „Absolute Giganten“ fotografierte.
Die Dreharbeiten begannen am 31. Juli 2025 und endeten nach 42 Drehtagen am 6. Oktober. Gedreht wurde in Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern. Produziert wurde „Geister“ von bombero international und Warner Bros. Film Productions Germany in Koproduktion mit Rialto Film. Unterstützt wurde die Produktion unter anderem vom Deutschen Filmförderfonds mit rund 1,77 Millionen Euro, der FFA, dem FilmFernsehFonds Bayern sowie der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein.
Seine Weltpremiere feiert „Geister“ am 18. September 2026 als Eröffnungsfilm des Wettbewerbs beim 74. Filmfestival von San Sebastián. Damit tritt Akin erstmals mit einem Film im Wettbewerb um die Goldene Muschel des Festivals an. Der Film hat eine Laufzeit von 106 Minuten.
Gut zu wissen
Mit „Geister“ kehrt Fatih Akin nach „Amrum“ erneut zu einer Geschichte zurück, in der persönliche Beziehungen im Mittelpunkt stehen. „Amrum“ feierte 2025 seine Premiere in Cannes. „Geister“ ist dagegen Akins erster Wettbewerbsbeitrag beim Filmfestival von San Sebastián.
Der deutsche Kinostart von „Geister“ ist für den 5. November 2026 angesetzt.