Raoul Walshs Thriller „Entscheidung in der Sierra“ zeigt Humphrey Bogart auf dem Höhepunkt seines frühen Schaffens – ein harter Gangsterfilm zwischen Film Noir, Fatalismus und Charakterdrama.
Als großer Durchbruch in der Karriere von Humphrey Bogart gilt allgemein John Hustons Verfilmung des Dashiell-Hammet-Romans „Spur des Falken“, der ihn als Detektiv Sam Spade unsterblich machen sollte. Doch schon davor arbeiteten die beiden an einem Film zusammen, in dem der Mann mit den traurigen Augen seine ganze schauspielerische Klasse zeigen konnte: „Entscheidung in der Sierra“.
Handlung von „Entscheidung in der Sierra“
Bankräuber Roy Earle (Humphrey Bogart) ist eben erst begnadigt worden, als er schon wieder sein nächstes Ding plant. Im Auftrag des Gangsters Bic Mac (Donald MacBride) soll er ein Hotel überfallen. Big Mac hatte Earles Begnadigung engagiert und stellt ihm ein Team mit drei Gangstern zusammen, darunter ein Mann namens „Babe“ (Alan Curtis), der auch das Mädchen Marie (Ida Lupino) in das Versteck in den Bergen mitbringt. Marie verliebt sich in Earle, wird aber von abgewiesen.
Der hat unterwegs die Aussiedlerfamilie Goodhue kennen gelernt und sich in ihre behinderte Tochter Velma (Joan Leslie) verliebt. Obwohl der alte Goodhue (Henry Travers) Earle darauf hinweist, dass seine Tochter verlobt ist, zahlt Earle die Kosten für eine Operation, durch die ihr Bein gerichtet werden kann. Trotzdem weist Velma ihn zurück und als auch beim Überfall nicht alles glatt geht, ist Earle nur noch ein Gehetzter, dessen Fluchtweg ins Nirgendwo führt.
Literarische Vorlage und ein Schicksalsfilm Hollywoods
Das Skript von „Entscheidung in der Sierra“ beruht auf dem Roman „High Sierra“ des seinerzeitigen Erfolgsautors W. R. Burnett, welcher im Frühjahr 1940 mit großen Vorschusslorbeeren veröffentlicht wurde und sich lose an der Biografie John Dillingers orientierte. Warner Brothers sicherte sich umgehend die Filmrechte und plante zunächst Paul Muni in der Hauptrolle des „Mad Dog“ Earle zu besetzen, der jedoch keine Gangster mehr spielen wollte. Stattdessen zeigte sich der kurz vor seinem Durchbruch stehende Humphrey Bogart an der Rolle ebenso interessiert, wie der junge Drehbuchautor John Huston, der ein großer Fan Burnetts war und wenig später mit Bogart den Hit „Spur des Falken“ drehen sollte.
Doch während das Studio Huston mit der Überarbeitung des Drehbuchs betraute, wurde mit George Raft ein neuer Hauptdarsteller ins Spiel gebracht. Raft hatte gerade einen Hit mit „Nachts unterwegs“ an der Seite von Ida Lupino und unter der Regie von Raoul Walsh gelandet, an den Warner nun nahtlos anknüpfen wollte. Raft lehnte die Rolle allerdings ebenfalls ab, womit der Weg für Bogart frei wurde, der in „Nachts unterwegs“ neben Raft agiert hatte.
Der Durchbruch eines Antihelden
Humphrey Bogart at his best
Der damals 41 Jahre alte Schauspieler hatte bisher mal größere, mal kleinere Nebenrollen gespielt, war aber noch weit von dem Status einer Hollywoodlegende entfernt. „Entscheidung in der Sierra“ stellt eine seiner vielleicht besten Leistungen dar, wozu zum einen sein emanzipiertes und immer noch modern wirkendes Spiel, zum anderen die ganze Charakterisierung des Charakters Roy Earle beiträgt.
Zu keiner Zeit lässt einen der Film daran zweifeln, dass Earle ein harter Hund ist, immer bereit, Gewalt einzusetzen, um sich einen Weg durchs Leben zu bahnen. In den Zwischentönen wird aber ebenso deutlich, dass er diesen Weg der Gewalt am liebsten verlassen möchte. Dies zeigt sich zum einen in seinem liebevollen Umgang mit dem Streuner Pard – damals war das Hundemotiv noch nicht so ausgelutscht, wie heute – zum anderen in seiner Schwärmerei für die verkrüppelte Velma, deren Operationskosten er übernimmt, damit ihr Bein gerichtet wird.
Fatalismus statt Melodram
Die Autoren spielen hier geschickt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, denn während von Beginn an klar ist, dass Ida Lupinos Figur dem Gangstermilieu entstammt, scheint die naive Velma für Earle einen Ausweg aus dieser Welt aufzuzeigen. Ihr eigener Vater warnt ihn jedoch, dass seine Tochter bereits einen Verlobten hat. Als Earle den Mann kennen lernt, erweist sich dieser schnell als aalglatter Blender. Doch zu Earles und noch mehr zu des Zuschauers Überraschung weist Velma ihn zu dessen Gunsten zurück.
Die Tür in ein besseres Leben, die Earle durch eine selbstlose Tat und seine vielleicht sogar ehrlich empfundene Zuneigung zu Velma zu öffnen glaubte, wird mit aller Brutalität von dem am unschuldigsten wirkenden Charakter des Films zugeschlagen. Earle kehrte zurück zum Weg der Gewalt und zu Marie und folgt damit der alten Hollywoodregel, dass die erste Frau, die im Film auftaucht, am Ende auch den Helden bekommt.
Film Noir im Entstehen
Ida Lupino erhielt von Warner zunächst die Top Credits als vermeintlicher Star des Films, doch sowohl ihre Figur als auch ihr Spiel stehen eindeutig im Schatten eines übermächtigen Bogart. Earles finale Flucht in die Sierra steht derweil symbolisch für die Ausweglosigkeit seines Lebens, denn er versucht zwar, seiner Vergangenheit zu entrinnen, hat aber keinen Weg mehr vor sich. Die Felswand, in der er von einem Polizeiaufgebot verfolgt hängen bleibt, ist die visuelle Manifestation der Sackgasse, in die sei Leben hineingesteuert ist. Sein Ende ist alternativlos.
Inszenierung auf dem Höhepunkt
Anders als in vielen Filmen dieser Zeit werden die zwischenmenschlichen Beziehungen mit keinerlei Melodramatik präsentiert, sondern mit dem kalten Zynismus der Hard Boiled Novels der Zeit. Die latente Härte, die einer Figur, wie Roy Earle anhaftet, zieht sich durch den ganzen Film, brachte Warner aber einige Probleme mit den Production Codes ein, die sich an der Gewalt, der Sprache und der losen Beziehung zwischen Earle und Marie störten. Und obwohl etliche Streichungen vorgenommen werden mussten, blieb genug davon im fertigen Skript erhalten, damit der Film auch heute noch mit seiner rauen Gangart überzeugen und schockieren kann.
Inszenatorisch zeigt sich Raoul Walsh mit „Entscheidung in der Sierra“ auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Seine gekonnte Lichtsetzung und das Spiel mit Licht und Schatten weist bereist den Weg vom Gangsterfilm der Dreißiger zum Film Noir der Nachkriegszeit. Auch bei den verschiedenen Autoverfolgungsjagden zeigt Walsh sein Talent als Actionregisseur.
Spektakuläre Bilder
Wurden diese seinerzeit des Öfteren mit mehr oder weniger gelungenen Rückprojektionen im Studio gedreht, setzt Walsh auf dynamische Kamerafahrten in der echten High Sierra und spektakuläre Perspektiven. Allein die Vorbereitungen zum Dreh nahmen vier Tage in Anspruch. Für die Kamera zeichnete der gebürtige Römer Tony Gaudio, einer der erfahrensten Kameraleute Hollywoods verantwortlich, der 1937 einen Oskar erhalten hatte.
Alles an diesem Film, von der Handlung, über die Art des Schauspiels und der Regie ist extrem gut gealtert, sodass „Entscheidung in der Sierra“ auch heute immer noch hervorragend funktioniert und zu unterhalten weiß. Nach einem soliden Kinoerfolg machte sich Walsh 1949 an ein Remake im Westerngewand. Auch „Vogelfrei“ mit Joel McCrea und Virginia Mayo, der erhielt gute Kritiken und lohnt eine Sichtung.
Fazit: Der Klassiker „Entscheidung in der Sierra“ ist ein harter Thriller mit überzeugender Charakterzeichnung, einem grandiosen Hauptdarsteller und toller Inszenierung. Eine Perle, die gereift und nicht gealtert ist.
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