
Helen Mirren über ihre schwierigste reale Figur: Als Patricia Highsmith kommt sie in „Ein Talent fürs Morden“ am 5. November ins Kino
17.09.2026
Anton Corbijns „Ein Talent fürs Morden“ mit Helen Mirren und Alden Ehrenreich ist ein elegantes Gedankenspiel über Patricia Highsmith – aber kein packender Thriller.
Anton Corbijn gehört zu den wenigen Star-Fotografen, die den Sprung ins Kino geschafft haben, ohne ihre eigene Handschrift dabei aufzugeben. Seine Filme sind rar und sorgfältig ausgewählt. Seit dem Künstler-Biopic „Life“ von 2015 hat er keinen großen Kinofilm mehr gedreht. Nun meldet sich der niederländische Bildkünstler mit „Ein Talent fürs Morden“ zurück – und nimmt sich ausgerechnet Patricia Highsmith vor, die Ikone des psychologischen Thrillers. Nur ist das alles erfunden. Corbijn stellt sich die letzten Lebensjahre der Schriftstellerin vor – und scheint seiner eigenen Konstruktion selbst nicht ganz zu trauen. Immer wieder bricht er das Kammerspiel mit einer Buch-im-Film-Ebene auf und hält damit auch seine eigene Geschichte auf Abstand. Das ist elegant und durchaus reizvoll, zumal Helen Mirren und Alden Ehrenreich sichtlich Spaß an diesem Kräftemessen haben. Die ganz große Überraschung bleibt bei all den verlockenden Wendungen allerdings aus: „Ein Talent fürs Morden“ ist eher eine meditativ-verspielte Annäherung an Patricia Highsmith als ein packender Thriller.
1995: Die weltberühmte Bestsellerautorin Patricia Highsmith (Helen Mirren) hat sich seit Jahren in ein Chalet in den Schweizer Alpen zurückgezogen. Kontakt zur Außenwelt hat die menschenscheue und mürrische Amerikanerin kaum noch. Ihr New Yorker Verlag ist indes verzweifelt. In der größten Not schicken die Verantwortlichen den unerfahrenen Literaturagenten Edward Ridgeway (Alden Ehrenreich) in die Schweiz, um Highsmith die Zusage für einen sechsten Tom-Ripley-Roman abzuringen – was sie bislang vehement verweigert hat. Unterwegs trifft Edward auf die junge Clementine Balfour (Olivia Cooke), mit der er sich anfreundet. Sie wird später zur Inspiration, als Edward gemeinsam mit Highsmith an der Geschichte für einen neuen Ripley-Roman arbeitet.

Die reizvollste Idee des Films liegt zunächst in der Begegnung dieser beiden Menschen. Schriftsteller-Legende Patricia Highsmith empfängt den jungen Verlagsangestellten Edward Ridgeway nicht gerade mit offenen Armen. Sie mustert ihn, provoziert ihn und lässt ihn spüren, dass sie den Literaturbetrieb ebenso verachtet wie dessen Erwartungen an sie. Helen Mirren („Golda – Israels Eiserne Lady“) spielt das nicht als exzentrische Schrulle. Ihre Highsmith ist scharfzüngig, maximal unangenehm und durchaus bösartig. Zigaretten, Alkohol, Waffen und allerlei Giftiges stehen in ihrem kargen Chalet herum, als hätte die Schriftstellerin ihre Romane kurzerhand in die Einrichtung übersetzt.
Alden Ehrenreich („Weapons – Die Stunde des Verschwindens“) bekommt mit Edward den schwierigeren Part. Anfangs wirkt er wie ein etwas überforderter Verlagslakaie, der möglichst höflich durch diese Audienz kommen möchte. Doch je länger er der „Plage“ Highsmith ausgesetzt ist, desto mehr verändert sich sein Auftreten. Ehrenreich macht daraus keine große Verwandlung. Kleine Verschiebungen reichen: Edward wird selbstbewusster, beginnt zurückzupöbeln und findet Gefallen an dem intellektuellen Kräftemessen. Zwischen Mirren und Ehrenreich entsteht eine Spannung, die den Film zunächst verlässlich trägt. Interessant wird es, sobald aus diesem Schlagabtausch Literatur entsteht.

Edward erzählt von Clementine Balfour, Highsmith greift die Begegnung auf und beginnt, daraus eine neue Geschichte zu formen. Plötzlich tauchen Figuren und Situationen aus dem Roman auf, den die beiden gerade erfinden. Ehrenreich spielt darin gewissermaßen eine zweite Version seiner Figur, diesmal näher an Highsmiths berühmtem Tom Ripley. Die Grenzen zwischen dem Mann im Chalet und der Figur auf der Buchseite verschwimmen. Corbijn macht aus dieser Konstruktion kein Rätsel mit eindeutiger Lösung. Vielmehr bleibt offen, wer hier eigentlich wen beobachtet, benutzt oder erfindet.
Corbijns Inszenierung passt gut zu diesem Spiel. Das Chalet wirkt nicht wie ein klassischer Thriller-Schauplatz, sondern wie ein bewohnter Rückzugsort voller Dinge, die irgendwann wichtig werden könnten. Ein Messer an der Wand, eine Flasche Gift, eine Waffe – die Ausstattung kündigt ständig mögliche Gefahren an. Man wartet förmlich darauf, dass eines dieser Objekte seine Funktion erfüllt. Genau daraus gewinnt der Film auch seinen trockenen Humor.
Mit der Buch-im-Film-Handlung wird die Sache komplizierter. Die elegant fotografierten Passagen aus Edwards und Highsmiths erfundener Ripley-Geschichte besitzen ihren eigenen Reiz, ziehen dem eigentlichen Kammerspiel aber zugleich den Boden unter den Füßen weg. Die Handlung in der Schweiz ist schlicht die interessantere. Dort sitzen zwei Schauspieler zusammen und versuchen herauszufinden, wer den anderen besser lesen kann. Sobald der Film nach Rom und in die erfundene Welt des neuen Buches wechselt, wird daraus stärker ausgestelltes Thrillerkino. Das sieht gut aus, entwickelt aber weniger Spannung, als die Inszenierung verspricht.

Auch die zahlreichen Wendungen helfen nur bedingt. Corbijn streut Hinweise, verändert Perspektiven und lässt immer wieder neue Möglichkeiten offen. Man wartet darauf, dass irgendwann alles auf eine entscheidende Pointe zuläuft. Sie kommt nicht wirklich. Das ist konsequent für einen Film, der sich für die Grenzen zwischen Erfindung und Realität interessiert, aber als Thriller eben auch ein kleines Problem. Rätselhaftigkeit allein erzeugt noch keinen Nervenkitzel.
Fazit: „Ein Talent fürs Morden“ ist weniger Patricia-Highsmith-Biografie als ein freies Spiel mit ihrer Person, ihren Figuren und der Frage, wie viel Wirklichkeit in einer erfundenen Geschichte steckt. Helen Mirren und Alden Ehrenreich machen daraus ein sehenswertes Duell. Für einen packenden Thriller bleibt Corbijns Film jedoch zu zurückhaltend. Seine Stärke liegt eher in der Atmosphäre und den offenen Fragen als in den Antworten.
Wir haben „Ein Talent fürs Morden“ auf dem Filmfest Hamburg gesehen, wo der Film seine Deutschlandpremiere feierte.
Hinter den Kulissen
„Ein Talent fürs Morden“ basiert auf dem Theaterstück „Switzerland“ der australischen Autorin Joanna Murray-Smith aus dem Jahr 2014. Murray-Smith adaptierte ihr eigenes Stück für das Kino. Ausgangspunkt ist die reale Patricia Highsmith, die sich in ihren letzten Lebensjahren in die Schweiz zurückzog. Die Begegnung mit dem jungen Literaturagenten Edward Ridgeway ist allerdings frei erfunden. Auch die Handlung um eine mögliche Fortsetzung der „Ripley“-Romane gehört zur Fiktion des Films.
Regie führte Anton Corbijn, für den „Ein Talent fürs Morden“ erst der fünfte Spielfilm ist. Bekannt wurde der Niederländer zunächst als Fotograf und durch seine Porträts von Musikern und Bands wie Depeche Mode, U2 und Nick Cave. Sein Spielfilmdebüt „Control“ über Joy-Division-Sänger Ian Curtis entstand 2007. Danach folgten unter anderem „The American“ mit George Clooney und „A Most Wanted Man“ mit Philip Seymour Hoffman. Für die Hauptrollen standen Helen Mirren, Alden Ehrenreich und Olivia Cooke vor der Kamera; Juliet Stevenson spielt Peggy.
Die Geschichte spielt 1995 in der Schweiz, wurde aber als britisch-italienische Produktion realisiert. Kameramann ist Robbie Ryan, den Corbijn bereits aus dessen Arbeit an Filmen wie „Fish Tank“ und „The Favourite“ hätte kennen können; für den Schnitt zeichnet Andrew Hulme verantwortlich. Produziert wurde der Film unter anderem von Gabrielle Tana, Mickey Liddell und Pete Shilaimon. Seine Weltpremiere feierte „Ein Talent fürs Morden“ beim Toronto International Film Festival 2026.
Gut zu wissen
Patricia Highsmith veröffentlichte ihren ersten Roman über Tom Ripley, „Der talentierte Mr. Ripley“, 1955. Die Figur kehrte in vier weiteren Romanen zurück. Highsmiths Werk wurde mehrfach verfilmt, darunter 1999 in Anthony Minghellas „Der talentierte Mr. Ripley“ mit Matt Damon als Ripley. „Ein Talent fürs Morden“ ist dagegen keine weitere Verfilmung eines Highsmith-Romans: Tom Ripley entsteht hier innerhalb der Handlung neu, während Highsmith selbst zur Figur der Geschichte wird.
Der deutsche Kinostart ist für den 5. November 2026 angesetzt.