Ein Kriminalkommissar klagt an – Kritik

Filmkritik

4.5/5

Filmkritik „Ein Kriminalkommissar klagt an“: Sergiu Nicolaescus rumänischer Polizeifilm-Klassiker

Sergiu Nicolaescus „Ein Kriminalkommissar klagt an“ verbindet rumänische Zeitgeschichte mit Film-Noir-Ästhetik, politischem Krimi und rasanter Polizeiaction.

Die Kinohelden der Siebziger waren keine Übermenschen im bunten Kostüm, sondern einzelgängerische Polizeikommissare. Ob auf dieser oder jener Seite des Eisernen Vorhangs, Krimis kamen bei jedem Publikum gut an, mehr noch aber jene Filme, in denen dem Kommissar die Waffe locker saß und er seine Gegner mit quietschenden Reifen durch die Straßen der Großstadt verfolgte. In Rumänien schuf Sergiu Nicolaescu mit seinem Kommissar Moldovan in „Ein Kriminalkommissar klagt an“ eine Figur, die beim heimlichen Kinopublikum den Kultstatus eines Dirty Harry gewinnen sollte.

Handlung von „Ein Kriminalkommissar klagt an“

Rumänien, November 1940. Während Hitler-Deutschland und die UdSSR Europa unter sich aufteilen, droht dem Land ein faschistischer Umsturz. Die Eiserne Legion verbreitet Angst und Schrecken und versucht, die Regierung zu delegitimieren. Dazu dringt eine ihrer Kampfabteilungen im Gefängnis von Jilava ein, um politische Häftlinge zu ermorden. Die Polizei zögert, das Verbrechen aufzuklären, denn, obwohl die Herkunft der Täter auf der Hand liegt, will man sich angesichts der drohenden Machtübernahme nicht mit der Legion anlegen. Daher wird der als unpolitisch geltende Kommissar Moldovan (Sergiu Nicolaescu) auf den Fall angesetzt, um entweder zu scheitern oder als Sündenbock herzuhalten.

Doch Moldovan heftet sich wie eine hartnäckige Klette an die Fersen seiner Gegner. Als er Ergebnisse vorlegt, will ihn der Präfekt (Ioan Nävodeanu) absetzen. Doch es ist zu spät. Der Kommissar hat zu viel Staub aufgewirbelt und gerät nun selbst ins Visier der Legion.

Sergiu Nicolaescu und sein rumänischer Polizeifilm

In den Sechzigern stieg Sergiu Nicolaescu mit seinen beiden Historienepen „Der letzte große Sieg der Daker“ (mit Ex-Winnetou Pierre Brice in der Hauptrolle!) und „Michael der Tapfere“, die auch jenseits des Eisernen Vorhangs gezeigt wurden, in die Riege der rumänischen Topregisseure auf. Unter Diktator Nicolae Ceaușescu gewann das Kino in Rumänien zunehmend an Bedeutung – sowohl als populäres Massenmedium als auch als Instrument zur Vermittlung des staatlich propagierten Geschichtsbildes. Ceaușescu selbst war ein großer Kinofan und ließ die rumänische Filmproduktion durch den Ausbau der Studioinfrastruktur fördern.

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In den Siebzigern war Nicolaescu einer der produktivsten und erfolgreichsten Regisseure des Landes und etablierte sich gleichzeitig als Star seiner eigenen Filme. Kommissar Moldovan fungiert als cineastische Reinkarnation eines anderen Nicolaescu-Helden, Kommissar Tudor Miclovan, der 1972 im Film „Mit reinen Händen“ ein tragisches Ende fand. Die Story basiert auf dem realen Massaker im Politischen Gefängnis von Jilava im November 1940.

Zwischen Film Noir und italienischem Polizeifilm

Alle von Nicolaescus Filme zeigen einen starken Einfluss westlicher Filmkulturen. Schon der Soundtrack in der Eröffnungsszene, als die Eisernen Legionäre in das Gefängnis eindringen, erinnert mit seiner Mischung aus blecherner Trompete, dominanten Perkussionsinstrumenten und leichten Funkelementen an die italienische Filmmusik der Siebziger.

Auch die Schussgeräusche der Pistolen und Maschinengewehre sind offensichtlich aus einem Archiv der Cinecittà beschafft worden, mit der Rumäniens Filmindustrie bisweilen kooperierte. Für zeitgenössisches musikalisches Kolorit sorgen wiederum viele Jazz- und Swingpassagen, die die Verbundenheit von Komponist Richard Oschaitzky mit beiden Stilen zum Ausdruck bringt.

Visuell knüpft Nicolaescu teilweise an den amerikanischen Film Noir – was sich durch das Setting im Jahr 1940 erklären lässt –, aber auch französische Krimifilme der Fünfziger und Sechziger. Sowohl Moldovan als auch die meisten seiner Gegenspieler tragen Fedorahüte und lange Mäntel. Dass er ein Fan von Humphrey-Bogart-Filmen war, offenbarte Nicolaescu in einer der Fortsetzungen, in der er eine Fotografie des Hollywoodstars einbaute.

Ein Krimi zwischen Politik und Action

Erzählerisch wie stilistisch folgt der Film wiederum eher italienischen Vorbildern. Erstaunlich sind die narrativen und visuellen Parallelen zu Enzo Castellaris „Tote Zeugen singen nicht“, der auch in rumänischen Kinos lief und nicht nur im Titel auffällige Ähnlichkeiten zeigt (Castellaris Film hieß im Italienischen wie in der rumänischen Fassung „Die Polizei klagt an, das Gesetz spricht frei“, Nicolaescus Film „Ein Kommissar klagt an“).

Die Krimistory wird nicht als Whodunit präsentiert, denn noch bevor Moldovan die Bühne betritt, werden dem Zuschauer die Mörder gezeigt. Seinen Reiz zieht die Geschichte aus der Frage, wie der Kommissar die Täter überführt und welche Widerstände aus den eigenen Reihen er dabei überwinden muss.

Prangern italienische Polizeifilme der Zeit die Verstrickung von Organisierter Kriminalität und Politik an, so kritisiert „Ein Kriminalkommissar klagt an“ die Offenheit für und Unnachgiebigkeit gegenüber den Faschisten durch das präkommunistische politische System Rumäniens, was natürlich ganz dem von Ceaucescu propagierten Geschichtsbild entspricht.

Allerdings geht es dem Regisseur, gerade im letzten Drittel des Films, schließlich stärker um Schauwerte. Rasante Autofahrten in alten Limousinen, Feuerüberfälle mit der Maschinenpistole, als Ende ist „Ein Kriminalkommissar klagt an“ mehr Actionfilm als Politthriller, wobei sich der Film keinesfalls hinter westlichen Vorbildern verstecken muss.

Castellari als filmischer Bezugspunkt

Auslösender Moment für Moldovans finalen Rachezug ist der Mord an seiner Mutter und die Bedrohung seines Sohnes – auch hier zeigen sich starke Parallelen zu Castellaris Film, in welchem der von Franco Nero gespielte Kommissar eine Tochter verliert, in beiden Filmen werden die Kinder bei ihrem Hobby, dem Reiten, gezeigt.

Die Zeitlupen, die Nicolaescu sowohl in Actionszenen als auch in emotionalen Momenten nutzt, ähneln dem Stil von Castellari, was nicht heißt, dass Nicolaescu imitiert. Stattdessen entwickelt er eine eigene, stringente Bildsprache und findet eine gute Balance zwischen Politthriller und Actionfilm, der handwerklich exzellent umgesetzt wurde.

Sergiu Nicolaescu als Hauptdarsteller

Auch die Besetzung des Films mag durch die Bank zu überzeugen. Nicolaescu ist vor der Kamera so überzeugend wie dahinter und verfügt sowohl über das Aussehen, die Agilität als auch den Charme eines großen Leinwandstars.

Amza Pellea, einer der größten rumänischen Schauspieler der Zeit, der in vielen anderen von Nicolaescus Filmen die Hauptrolle erhielt, spielt nur einen kleinen Part als verfolgter Kommunist Pirvu, Gheorge Dinica, ein weiterer Veteran des Regisseurs, den Legionärsführer Paraipan.

In Rumänien genießen die Filme Nicolaescus noch heute Klassikerstatus und waren durch die Bank große Erfolge. Dank einer Kinoauswertung in der DDR liegen auch die Filme mit Kommissar Moldovan in einer deutschen Synchronfassung vor.

Zwar findet Moldovan am Ende des Films ein scheinbar ähnlich tragisches Ende wie sein cineastischer Vorgänger Miclovan, doch die Popularität der Figur war so groß, dass Nicolaescu ihn 1978 für „Die Revanche“ wieder auferstehen ließ – auch das kommunistische Kino unterwarf sich der Nachfrage des Marktes –, dem 1981 noch „Das Duell“ folgte, um den gealterten Exkommissar dann 2008 im leider nicht in Deutschland erschienenen „Supravietuitorul“ in sein letztes Abenteuer zu schicken.

Fazit: Ein unterhaltsamer Thriller mit exzellentem Cast, markanten Schauwerten und einer für seine Zeit bemerkenswert souveränen Inszenierung. „Ein Kriminalkommissar klagt an“ ist fest im rumänischen Kino der Ceaușescu-Ära verankert, gewinnt seine Wirkung aber vor allem aus der präzisen Verbindung von historischem Kriminalfall, Film Noir und rasanter Polizeiaction. Gerade diese Mischung macht den Klassiker auch heute noch sehenswert.

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