Dog Day – Ein Mann rennt um sein Leben

Synopsis

Filmkritik „Dog Day“: Provokativer Thriller zwischen Gewalt, Moral und Peckinpah

Yves Boisset verbindet in „Dog Day“ Exploitation, Gewalt und Gesellschaftskritik zu einem ungewöhnlichen Thriller mit starken Bildern und Schwächen im Detail.

In den Achtzigern feierten die Großen des französischen Kinos ihre letzten Erfolge. Schauspieler wie Alain Delon und Jean-Paul Belmondo sowie Regisseure wie Henri Verneuil, Jacques Deray oder Georges Lautner verstanden es, dem Publikum zu geben, was es sehen wollte. Yves Boisset, der sich in diesem Kino ebenfalls einen Namen gemacht hatte, wollte hingegen 1984 mit dem provokativen Thriller „Dog Day - Ein Mann rennt um sein Leben“ die Grenzen der Sehgewohnheiten sprengen.

Handlung von „Dog Day“

Bei einem Überfall auf einen Geldtransporter erbeutet der Amerikaner Jimmy Cobb (Lee Marvin) eine Million Dollar. Bei der anschließenden Schießerei wird jedoch der größte Teil seiner Bande getötet, er selbst entkommt mit knapper Mühe und Not aufs Land. Von der Polizei verfolgt, vergräbt er seine Beute und kommt auf einem Bauernhof unter, der von einer merkwürdigen Gruppe von Menschen bevölkert wird: der sexsüchtige Horace (Victor Lanoux) und seine widerwillige Frau Jessica (Miou-Miou), die wilde Nymphomanin Ségolène (Bernadette Lafont), Gutsherr Socrate (Jean Carmet), dessen depressive Frau Gusta (Muni) und der frühreife Chim (David Bennent), der Cobbs Beute entdeckt und ausgräbt, was jedoch weder der Amerikaner noch die Familie mitbekommen. Bald tauchen sowohl die Polizei als auch einige andere Gangster auf dem Hof auf, doch die Familie liefert Cobb nicht aus, sondern versucht, selbst an das Geld heranzukommen.

David Bennent und Lee Marvin in „Dog Day“ (© Ascot Filmverleih)
David Bennent und Lee Marvin in „Dog Day“ (© Ascot Filmverleih)

Gewalt, Sexualität und Sam Peckinpahs Einfluss

Im gediegenen französischen Krimikino galt Yves Boisset schon immer als Regisseur, der die Grenzen des Zumutbaren erweiterte. Galt dies lange Zeit vor allem für seinen, wenn auch stets dosierten Einsatz von Gewalt, so sprengt „Dog Day“ auch in moralischer Hinsicht die Grenzen des Zumutbaren, weswegen der Film noch heute schockieren kann. Dies gilt insbesondere für den immer wieder gezeigten Einsatz sexueller Gewalt oder Lust, denn während die von Miou-Miou gespielte Jessica kaum mehr als ein Lustobjekt ihres Mannes ist, zeigt sie sich gleichzeitig sehr freizügig gegenüber Cobb und dem Detektiv Rojinski (Julien Bokowski), während die nymphomane Ségolène wirklich jedem Mann hinterherjagt. Diese Momente geben dem Film Raum für exploitative Sexszenen, die man eher im italienischen als im oftmals nüchtern-kalten französischen Thriller verorten würde.

Auch interessant: Weitere Klassiker-Kritik von Alexander Querengässer

Regisseur Boisset ist jedoch bemüht, sowohl Sex- als auch Gewaltmomente nicht selbstzweckhaft erscheinen zu lassen, sondern in eine Art Eskalationsstudie einzubinden, für die exemplarisch das Kino Sam Peckinpahs als Vorbild diente, auch wenn das Skript von „Dog Day“ auf einem Roman von Jean Herman basiert. Der fast misslungene Banküberfall zu Beginn des Films ist klar von der Eröffnungsszene aus „The Wild Bunch“ inspiriert, einschließlich der Figur des kleinen Jungen, der zwischen die Fronten gerät.

Der schwarz-weiße Anzug Lee Marvins und die Grundidee des flüchtenden Bankräubers scheinen dem Peckinpah-Steve-McQueen-Hit „The Getaway“ entnommen, das Setting auf dem Hof orientiert sich wohl wiederum stärker an „Straw Dogs“ und die in ihren Modeanzügen, einschließlich Hut, plötzlich auftauchenden Gangster im Cabrio, die auf der Suche nach Cobb oder wenigstens dessen Beute sind, erinnern an einige Momente aus „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“. Die während der Opening Credits gezeigte Verfolgungsjagd Marvins im Getreidefeld wiederum zitiert dessen Rolle in dem Heist-Movie „Point Blank“ aus dem Jahr 1969.

Eine verstörende Figurenstudie mit erzählerischen Schwächen

Statt der eigentlichen Verfolgung Cobbs durch Polizei und Konkurrenz rückt zunehmend die Darstellung der seltsamen Hofgemeinschaft in den Vordergrund, wobei sich Boisset durchaus den Vorwurf gefallen lassen muss, dass diese ein paar Figuren zu viel enthält. Ségolène trägt eigentlich wenig zur Handlung bei und soll wohl mit ihrer frivol herausgestrichenen Sexualität provozieren. Die Beziehung zwischen Horace und Jessica ist an sich durchaus interessant: er der tumbe, sexsüchtige Ehemann, der seine Frau zum Lustobjekt degradiert, sie das Opfer, welches aber durchaus bereit ist, dieser Rolle zu entfliehen und sexuell so abgestumpft ist, dass sie ihren Körper bedenkenlos als Zahlmittel anbietet.

Auch Chim erweist sich als interessanter Charakter, der so gar nicht dem Typus des niedlichen Jungen entspricht, sondern stiehlt, trinkt, betrügt und in den Puff geht. Dabei ist er am Ende der eigentliche Drahtzieher der Ereignisse, da er sich in den Besitz der Beute gebracht hat und am Ende auch den Tod Cobbs wie den Abgang eines Kinohelden inszenieren will. Chims Welt ist klar geprägt von der Gewalt, die er auf dem Hof erfährt, vor allem durch Horace, der ihn in einem sehr drastisch inszenierten Moment mit dem Gürtel verprügelt, und von den Filmen, deren Poster in seinem Zimmer hängen.

Dabei versucht Cobb, wie der Film als Ganzes, eben diese durch Chim zum Ausdruck gebrachten Zuschauererwartungen zu unterlaufen, indem er Spannungsmomente aufbaut, nur um dann die beteiligten Personen ganz anders handeln zu lassen, als man es bereits dutzende Male in ähnlichen Filmen gesehen hat. All dies verschafft dem Film Spannung und Tiefe, aber in dem Wunsch zu provozieren und Grenzen zu sprengen, lässt sich Boisset zu einigen drastischen Szenen hinreißen, die selbstzweckhaft bleiben und diesen Anspruch untergraben.

Starke Bilder, überzeugender Nachwuchs, verschenktes Potenzial

Visuell ist das Ganze exzellent in Szene gesetzt, insbesondere die Verfolgungsjagden in einem goldgelben Getreidefeld mit dem blauen Himmel im Hintergrund oder Cobbs letzter Fluchtort, ein schiffsähnliches Gebäude, möglicherweise eine Anspielung auf das gestrandete Schiff aus Joseph Conrads Roman „Lord Jim“, von dem der junge Chim auch seinen Namen ableitet. In der ersten Einstellung, die ihn zeigt, spielt dieser in einem Boot mit der Aufschrift „Lord Jim“.

Schauspielerisch erreicht der Film trotz der ins Extreme verzerrten Figuren nicht das gleiche Level. Der sonst so brillante Lee Marvin agiert teilweise etwas zurückhaltend und mag den Film nicht so anzutreiben, wie er es sonst immer tat. Miou-Miou zehrt mehr von ihrer Schönheit als von ihrer schauspielerischen Klasse. Der damals 17 Jahre alte, aber deutlich jünger wirkende David Bennent als Chim weiß am besten in seiner Rolle zu überzeugen und erweist sich, wie seine Figur, als der eigentliche Star des Films.

Mit einer Million Zuschauer war der Film in Frankreich seinerzeit ein passabler Erfolg, was damals aber nur für Rang 45 im Kinojahr genügte. Mit seinem Mix aus provokativer Gewalt, visuellen cineastischen Zitaten und dem Wunsch, Zuschauererwartungen zu unterwandern, erinnert „Dog Day“ an die Arbeiten Quentin Tarantinos, erreicht aber bei aller Qualität nicht ganz dessen Klasse.

Fazit: „Dog Day - Ein Mann rennt um sein Leben“ kann provozieren und schockieren, ist gut inszeniert und präsentiert hochspannende Figuren. Um vollends zu überzeugen, opfert er Stringenz und Tiefe das ein oder andere Mal zu oft exploitativem Gewaltvoyeurismus.

Interessante Nachrichten

Die weltweit erfolgreichsten Filme 2026: 5 Filme knacken die Milliarden-Dollar-Marke

Die weltweit erfolgreichsten Filme 2026: 5 Filme knacken die Milliarden-Dollar-Marke

06.10.2026

Nach der Halbzeit des Kinojahres 2026 zeichnen sich immer mehr globale Gewinner ab. NIcht nur große Franchise-Titel dominieren bislang, auch einige bemerkenswerte Überraschungserfolge haben sich in den weltweiten Box-Office-Charts festgesetzt.

Einspielergebnisse und Besucherzahlen der Colleen-Hoover-Verfilmungen

Einspielergebnisse und Besucherzahlen der Colleen-Hoover-Verfilmungen

05.10.2026

Colleen Hoover gehört zu den erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Gegenwart. Aktuell läuft „Verity – Dunkle Geheimnisse“ im Kino, weitere Romane wurden bereits für die große Leinwand adaptiert. Doch wie erfolgreich waren die einzelnen Verfilmungen? KINO-TOTAL.net blickt auf Einspielergebnisse und deutsche Besucherzahlen.

Empfehlungen der Redaktion