Die Tatarenwüste

Filmkritik

5/5

Filmkritik „Die Tatarenwüste“: Existenzialistisches Meisterwerk über das Warten auf den Krieg

Valerio Zurlinis „Die Tatarenwüste“ ist ein melancholisches Antikriegsdrama über Sinnsuche, militärische Routine und die existenzielle Leere des Wartens.

Im Frieden wartet das Militär auf den Krieg. Was uns vor den aktuellen politischen Hintergründen eher beängstigend als paradox erscheint, ist eine Erfahrung, die fast jeder Soldat durchmachen musste. Im Frieden ist die Existenz des Soldaten dröge und von pedantischem Formalismus geprägt. Kaum jemand hat diese existentielle Sinnkrise besser eingefangen als Valerio Zurlini in seinem Meisterwerk „Die Tatarenwüste“.

Handlung von „Die Tatarenwüste“

Nach Abschluss seiner Offiziersausbildung wird der junge Leutnant Drogo (Jacques Perrin) zur entlegenen Festung Bastiani versetzt, die die Grenze gegen das Nordreich schützen soll. Die Garnison liegt in den Tiefen einer verlassenen Felsenwüste und ist vollkommen auf sich allein gestellt. In der Erwartung eines baldigen Angriffs der jenseits der Grenze lebenden Tataren, die jedoch nie jemand zu sehen bekommt, ergehen sich die Offiziere in einem steifen Formaldienst. Drogo wird Zeuge einer Reihe grotesker Szenen, dennoch verfällt auch er dem Wunsch, zu bleiben, auf den Angriff zu warten und so Ruhm und Ehre zu erwerben. Aus der scheinbar sinnlosen Existenz im Nichts erwächst seine existenzielle Daseinsberechtigung.

„Die Tatarenwüste“ (© Filmverlag der Autoren)
„Die Tatarenwüste“ (© Filmverlag der Autoren)

Existenzialistisches Militärdrama in einer Welt des Wartens

Der auf dem gleichnamigen Roman von Dino Buzzati basierende Film „Die Tatarenwüste“ von Valerio Zurlini ist ein beeindruckendes Werk über den Mikrokosmos des Militärs, ein extremes Beispiel für existentialistisches Kino. Der in einem fiktiven Land und einer fiktiven – aber durch Uniformen, Fahnen und Anspielungen auf einen „Kaiser“ bewusst an die habsburgische Monarchie angelehnten – Armee angelegte Film begleitet seinen Protagonisten durch eine seltsam unreale Welt.

Dies beginnt bereits beim Verlassen der heimatlichen Garnisonsstadt, als Drogo durch leere Straßen und an Häusern mit verschlossenen Fenstern entlang reitet, begleitet einzig und allein von einem Jugendfreund. In der Wüste scheint er dann endgültig der normalen Welt zu entrücken, denn diesseits wie jenseits der Grenze, die Bastiani schützt, gibt es nur Sand und Fels.

Im Schatten der Festung, für die die gewaltige, malerische iranische Lehmziegelburg Arg-e Bam genutzt wurde, liegen die Ruinen einer alten Stadt, die angeblich einst von den Tataren zerstört wurde. Nur die Gräber der Soldaten und Offiziere, die während des Grenzdienstes ihr Leben gelassen haben, künden davon, dass es hier überhaupt so etwas wie Leben gab.

Dabei ist nicht einmal klar, wo genau die Grenze verläuft, und als im späteren Verlauf des Films eine Expedition eine Demarkationslinie festmachen soll, marschiert sie symbolträchtig durch eine nebelverhangene Schneelandschaft, die anscheinend so weiß ist wie die Karten, die von dem Gebiet existieren, und verliert sich bald darauf im Nichts.

Sinnsuche, Militärbürokratie und existenzielle Leere

Wen oder was schützt also diese Festung, in der Drogo Posten bezieht? Die Frage weiß niemand zu beantworten, und so rechtfertigt sich die Anwesenheit der Garnison nur in ihrer eigenen Existenz. Um diese zu erhalten, ergibt sie sich in einem von scheinbar sinnentleerten Dienstvorschriften geprägten Alltag.

So streiten sich die Vorgesetzten Drogos darüber, ob er ein einsames Pferd einfangen durfte oder nicht, weil es jenseits der Grenze war, die nur in den Köpfen der Offiziere erkennbar ist. Da wird ein Soldat von einer Torwache erschossen, weil er die Parole vergessen hatte, obwohl er klar als Mitglied der Garnison erkennbar ist. Der pedantische Major Mattis lobt die Wache sogar für ihren präzisen Schuss, sieht sich dann aber dem passiven Widerstand der Kompanie des Opfers ausgesetzt.

Als sich abzeichnet, dass Mattis’ strenge Dienstauffassung dem Frieden in der Garnison im Weg steht, wird er nicht etwa strafversetzt, sondern aus dem Weg befördert. Immer wieder wird betont, dass die Garnison über die besten Waffen und Offiziere der Armee verfügt – doch warum?

Der jenseits der Grenze stehende Feind ist nie zu sehen, und so vergeht die Zeit mit dem Warten auf einen Angriff, der niemals kommt. In extrem überspitzter Form greift der Film somit die zentrale Existenzfrage des Militärs in Friedenszeiten auf.

Europäisches Starensemble und eindrucksvolle Inszenierung

Es gelingt Regisseur Zurlini, der zu den weniger beachteten Kunstfilmern des italienischen Kinos zählt, diesen von Banalitäten und Langeweile geprägten Alltag in eine packende Geschichte zu verwandeln, die vor allem von der Tiefe der Charaktere und der Schauspielkunst des Casts profitiert.

Hier sind vor allem Max von Sydow als Drogos unmittelbarer Vorgesetzter Hauptmann Horitz und Giuliano Gemma in einer für ihn ungewohnten, weil negativ konnotierten Rolle als Matinée-Major Mattis zu nennen, die seinem Sunnyboy-Image zuwiderläuft, die er aber hervorragend auszufüllen weiß.

Mit dem Spanier Fernando Rey, der den darbenden Oberst mimt, dem Franzosen Jean-Louis Trintignant als Regimentsarzt sowie Philippe Noiret in einer kleinen Nebenrolle als General und natürlich Vittorio Gassman als Fillmore konnten weitere namhafte europäische Charakterdarsteller gewonnen werden.

Die von Kameramann Luciano Tovoli eingefangenen Bilder einer leeren, fast postapokalyptisch anmutenden Wüstenlandschaft werden von dem exzellenten, elegischen Score Ennio Morricones zusätzlich aufgewertet, der allerdings nur sparsam eingesetzt wird. In den meisten Szenen verzichtet Zurlini auf musikalische Untermalung, um durch die Stille die Einsamkeit stärker zu betonen.

Ein unterschätzter Klassiker des europäischen Autorenkinos

Trotz des herausragenden Casts, weiter Verbreitung und guter Kritiken war der Film kein Erfolg und spielte gerade einmal 5 Millionen Dollar ein. Im italienischen Kinojahr 1976/77 rangiert er nur auf Platz 73, weit hinter künstlerisch ebenfalls ambitionierten Projekten wie Bernardo Bertoluccis „Novecento“ Part 1 (Platz 3) und Part 2 (Platz 20), Luchino Viscontis „Die Unschuld“ (Platz 15), Federico Fellinis „Casanova“ (Platz 18) oder Pier Paolo Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ (Platz 22).

Immerhin konnte er 1977 drei David-di-Donatello-Preise für den besten Film, die beste Regie und den besten Schauspieler – Gemma – gewinnen.

Fazit: „Die Tatarenwüste“ ist ein visuell packendes, existentialistisches Meisterwerk mit einem exzellenten und groß aufspielenden Cast. Ein Film mit Tiefgang, der trotz der ständigen Zurschaustellung von Langeweile nie selbst langweilig wird.

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