Die Rache der Wikinger – Kritik

Filmkritik

5/5

Filmkritik „Die Rache der Wikinger“: Ein Wikingerfilm wird zum Bava-Kunstwerk

Mario Bavas „Die Rache der Wikinger“ macht aus einem kleinen Budget ein visuell eigenständiges Historien-Abenteuer zwischen Horrorfilm und Sandalenkino.

In den späten Fünfzigern entdeckte Hollywood das Historienepos neu für sich und versuchte mit einer Reihe hochbudgetierter Filme im farbigen Breitwandformat, Zuschauer vom neumodischen Fernsehgerät zurück in die Lichtspielsäle zu locken. Einer dieser Filme war Richard Fleischers „Die Wikinger“ mit Kirk Douglas in der Hauptrolle. Der Film war ein weltweiter Erfolg, was sogleich italienische Produzenten auf den Plan rief, die stets bereit waren, dem Publikum noch einmal eine billigere Version des gleichen zu liefern. In der Hand eines talentierten Regisseurs wie Mario Bava konnte sich aber ein augenfälliges Rip-off in ein eigenständiges Kunstwerk verwandeln.

Handlung von „Die Rache der Wikinger“

Mit der Landung der ersten Wikinger in England Ende des 8. Jahrhunderts bricht ein grausames Zeitalter an. Doch nach Jahren der Gewalt ist Wikingerführer Harald (Folco Lulli) gewillt, ein Friedensabkommen mit König Lotar (Franco Ressel) auszuarbeiten. Dessen Abgesandter Sir Rutford (Andrea Checchi) hintertreibt die Bemühungen und tötet sowohl Harald als auch Lotar, um selbst die Macht zu übernehmen. Bei den Kämpfen werden die beiden Zwillingssöhne von Harald getrennt. Während Eron (Cameron Mitchell) nach Skandinavien zurückgebracht und zum Krieger herangezogen wird, fällt sein Bruder Erik (George Ardisson) in die Hände von Lothars Witwe Alice (Francoise Christophe). 20 Jahre später fährt Eron mit einer großen Flotte erneut gen England. Erik ist inzwischen zum Ritter gereift und zieht ihm entgegen, ohne zu wissen, wer sein großer Kontrahent ist.

Der Meister des italienischen Horrorfilms wechselt das Genre

Als er 1961 „Die Rache der Wikinger“ drehte, hatte sich Mario Bava mit „Die Stunde, wenn Dracula erwacht“ und auch dem im Antikenmilieu angesiedelten Sandalenfilmhorror „Vampire gegen Herakles“ einen Namen als Meister des italienischen Horrorfilms gemacht. Während er fast widerwillig ins Regiefach wechselte, arbeitete er weiterhin in seinem eigentlichen Metier als Kameramann und Spezialeffektgestalter. Im Zuge dessen arbeitete er auch an Giacomo Gentilomos „Der letzte Wikinger“, einem der ersten italienischen Wikingervehikel im Gefolge von Richard Fleischers Hit. Dabei traf er zum ersten Mal auf Cameron Mitchell, einem der vielen amerikanischen Stars aus der zweiten Reihe, die in den Fünfzigern und Sechzigern nach Italien wechselten und sich in Hauptrollen profilieren konnten.

Mario Bava macht aus dem Rip-off ein eigenes Kunstwerk

1961 konnte Bava dann unter eigener Regie einen Wikingerfilm drehen. „Die Rache der Wikinger“ orientiert sich in der Handlung überdeutlich an Fleischers Vorlage „Die Wikinger“. Wie in dieser stehen sich zwei Brüder, die in jungen Jahren getrennt wurden, als Männer feindlich gegenüber, ohne zunächst die Identität des anderen zu erahnen. Beide finden letztlich zueinander und wenden sich gegen den wahren Feind, einen englischen Königsmörder, der in seiner Burg den Wikingersturm ausharrt. Und so wie die Nordmänner in Hollywood Äxte gegen eine Zugbrücke schleudern, um Kirk Douglas eine Leiter zu den Zinnen zu bauen, schießen sie bei Bava Pfeile ab, an denen sich Giorgio Ardisson emporhangelt.

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Doch Mario Bava ist kein simpler Rip-Off-Handwerker, sondern hat in all seinen Filmen seinen eigenen visuell ausgeprägten Stil. Wo Fleischer auf Authentizität und die visuelle Wucht der echten norwegischen Fjorde setzte, in denen er seinen Film drehte, machte Bava aus der Not seines minimalistischen Budgets eine Tugend und inszenierte den Film bewusst mit gekünstelten Bildern. Statt auf weiten Berghängen kommen seine Wikinger in einer Höhle zusammen, die anscheinend noch aus den Unterweltkulissen von „Vampire gegen Herakles“ übriggeblieben waren, die er in einem bunten Farbenmeer ausleuchtet und so den nordischen Kriegern den Anschein von Höllenwesen gibt, die direkt aus Dantes Inferno entsprungen sind.

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Einen gewissen Einfluss aus dem Sandalenfilm zeigen wohl auch die beiden Mädchen Daya und Rama, eine Art nordische Vestalinnen. Gespielt wurden sie, wohl mit einem Blick auf den deutschen Kinomarkt, von den damals international bekannten Zwillingen Alice und Ellen Kessler. Dies führt im Laufe des Films zu Verwechslungen. Als Eron Daya heiraten will, gibt sich der inkognito bei den Wikingern lebende Erik zu erkennen, der sie mit Rama verwechselt, in die er selbst verliebt ist. Dieses Spiel mit weiblichen Doppelgängern und der optischen Täuschung durch schöne Frauen ist ein wiederkehrendes Motiv in Bavas Filmen.

Mit wenig Budget zu beeindruckenden Bildern

Was die Magie des Films auch auf den heutigen Zuschauer ausmacht, ist Bavas Fertigkeit, sein geringes Budget gerade auch bei Massenszenen zu kaschieren. Er verzichtet weitgehend auf Totalaufnahmen, die die geringe Zahl seiner Statisten offenbart hätten, zumal die Küste vor Anzio, wo der Film gedreht wurde, nur schwer mit einem norwegischen Fjord vergleichbar ist. Wenn er sie nutzt, sieht man dennoch Heere von Wikingerkriegern, die durch seine beeindruckende Beherrschung der Matte-Technik einfach vor die Kameralinse gepinselt wurden. Eine Seeschlacht inszeniert er mit Modellen und Studioaufnahmen, die bewusst künstlich gehalten worden sind, aber somit durch die Verwendung kräftiger blauer und roter Farben zu beeindrucken wissen.

Der Rest sind gut choreografierte Schwertkämpfe. In heutigen Zeiten, wo Computertricks Kreativität und teilweise auch Sorgfalt ersetzen, ist es ein Genuss zu sehen, wozu ein wahrer Kamerakünstler fähig war. Seine Nähe zum Horrorfilm merkt man nicht nur an den vielen Nachtszenen und den Sequenzen in der Wikingerhöhle, sondern auch während der Seeschlacht, als der schaurige Kopf eines Drachenschiffes plötzlich im düsteren, bläulich schimmernden Nebel auftaucht.

Mit Cameron Mitchell und Giorgio Ardisson standen Bava zwei solide Hauptdarsteller zur Verfügung. Mit Mitchell sollte er noch zwei weitere Filme drehen, darunter seinen dritten und letzten Wikingerfilm „Für eine Handvoll blanker Messer“, der als eine Art Italowestern im Mittelalter angesiedelt ist. Auch dieser folgte einem Hollywoodhit, denn 1963 drehte Jack Cardiff – Fleischers ehemaliger Kameramann – mit „Raubzug der Wikinger“ sein eigenes Nordmannepos, dessen Erfolg eine kleine Wiederbelebung des italienischen Subgenres bewirkte. Mitchell selbst schätzte Bavas Fähigkeiten und nannte ihn den besten Regisseur, mit dem er je zusammengearbeitet hat.

„Die Rache der Wikinger“ als visuelles Bava-Erlebnis

Mit einem Einspielergebnis von 326 Millionen Lire war „Die Rache der Wikinger“ seinerzeit in Italien kein großer Hit, dank einer internationalen Vermarktung, auch in die USA, wo er 1963 in die Kinos kam, dennoch ein ordentlicher kommerzieller Erfolg. Den Wikingerfilmen Bavas wurde lange Zeit weniger Aufmerksamkeit gewidmet als seinen Horror- und Giallo-Klassikern. Das Label Wicked Vision hat nun eine Blu-ray von „Die Rache der Wikinger“ veröffentlicht, dank der man den Film in all seiner Farbenpracht genießen kann.

Fazit: Aus der Not eine Tugend machen, das war die große Kunst des Mario Bava. Sein Historien-Abenteuer „Die Rache der Wikinger“ ist ein Film in den schillernden Farben eines expressionistischen Künstlers, mit einer spannenden Story, dessen Reiz noch heute nicht nur in seiner visuellen Virtuosität besteht, sondern im Staunen darüber, welche außergewöhnliche Kreativität ein kleines Budget seinem Erschaffer abgetrotzt hat.

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