Ein atmosphärischer Italo-Thriller über Identität, Schuld und Erinnerung – spannend inszeniert und stark gespielt, mit klaren Hitchcock-Anleihen.
Der italienische Thriller der Siebziger steht entweder für harte Polizeigewalt, den Terror der Organisierten Kriminalität oder mysteriöse frauenmordende Psychopaten mit schwarzen Handschuhen und alten Rasiermessern. Duccio Tessari war ein Regisseur, der sich gern in den angesagten Genres seiner Zeit bewegte, mit seinen Filmen aber gern aus den etablierten Erzählmustern ausbrach. So auch in seinem sehenswerten Thriller „Der Mann ohne Gedächtnis“.
Handlung von „Der Mann ohne Gedächtnis“
Nach einem Unfall hat Peter Smith (Luc Merenda) sein Gedächtnis verloren und kehrt in seinen Heimatort zurück. Dort trifft er auf seine Frau Sara (Senta Berger), die wenig erfreut ist, ihn wiederzusehen, denn – so viel verrät sie ihm – er war kein sonderlich netter Partner. Dennoch nähern sich die beiden bald wieder an. Er gräbt tiefer in der eigenen Vergangenheit und findet schnell heraus, dass er in dunkle Machenschaften verwickelt war. Bald tauchen ehemalige Partner von ihm auf und setzen auch Sara unter Druck. Peter muss herausfinden, wer er war, auch wenn er sich immer mehr darüber im Klaren ist, dass ihm die Antwort nicht gefallen wird.
Hitchcock-Einflüsse und Identitätssuche im Mittelpunkt
Duccio Tessari gehörte in den 60er und 70er Jahren zu den erfolgreichsten italienischen Genreregisseuren. Seine Filme spielten gutes Geld ein und obwohl er über eine klare cineastische Handschrift verfügte, wollte er seine Vielseitigkeit vor allem durch die Auswahl immer neuer Genres unter Beweis stellen. So drehte er in den Sechzigern die witzige Sandalenfilmparodie „Kadmos – Der Tyrann von Theben“, mehrere Italowestern, die Giuliano Gemma zu einer großen Karriere verhalfen, sowie die in Deutschland nicht gezeigte Agentenfilmparodie „Kiss, Kiss – Bang, Bang“ und wandte sich in den frühen Siebzigern dem Thriller zu.
Zu diesem Zeitpunkt etablierten Dario Argento und Lucio Fulci den „Giallo“ als frühe Form des italienischen Slasherfilms, ein Mix aus Thriller und Horror mit maskierten Tätern, schwarzen Handschuhen und blutigen, weil meist mit dem Messer verübten Morden. Tessaris Filme werden oft dieser Modewelle zugeordnet, was am ehesten auf seinen 1971 erschienenen sehenswerten Streifen „Das Messer“ zutrifft. Der drei Jahre später gedrehte „Der Mann ohne Gedächtnis“ orientiert sich aber eindeutig an den großen Filmen von Alfred Hitchcock und geht auf ein Skript von Ernesto Gastaldi zurück, der sich wie Tessari in jedem angesagten Genre zu Hause fühlte.
Dies zeigt sich sowohl an der Grundidee des Films, in dessen Zentrum keine blutigen Gewalttaten stehen, sondern die Frage nach der verlorengegangenen Identität eines Mannes, die Stück für Stück wieder freigelegt werden muss, ähnlich wie in „Der Mann, der zu viel wusste“, „Marnie“ und anderen Klassikern des britischen Masters of Suspense. Auch die durchaus starke Rolle einer Frau entspricht sowohl den späten Hitchcock-Filmen als auch Erzählmustern des neuen Italo-Thrillers.
Denn obwohl Luc Merenda die titelgebende Figur spielt, ist der Film ganz auf die Figur von Senta Berger zugeschnitten, die in einem immer wieder der Misogynie bezichtigten Kino eine starke Rolle bekommen hat, welche sie mit großer Souveränität spielt und alle ihre männlichen Kollegen überstrahlt, obwohl auch diese ihre Parts souverän abliefern. Nur Merenda schafft es nicht ganz, seiner Figur die nötige Tiefe zu verleihen. Er treibt an der Oberfläche des Gedächtnislosen, während es Berger obliegt, sich die Frage zu stellen, ob ein Wiedererlangen der Erinnerungen und der alten Identität wirklich wünschenswert wäre.
Spannung, Inszenierung und visuelle Stärken
Neben der durch die Identitätsfrage Peters an sich spannenden Grundfrage installiert Tessari immer wieder packende Szenen, denn rasch zeichnet sich ab, dass dieser in kriminelle Machenschaften verwickelt war, in die nun auch Sara hineingezogen zu werden droht. So wird sie plötzlich beschattet und erhält brutale Warnungen, die Tessari Gelegenheit geben, in einzelnen Szenen sein ganzes Können bei der Montage von Spannungsmomenten zu zeigen. Auch hier zeigt er sich dem Master of Suspense näher als seine italienischen Kollegen, dem Master of Gore. Erst in der finalen Auseinandersetzung beweist er, dass er auch diese Spielart beherrscht und packt sprichwörtlich die Kettensäge aus.
Visuell ist der Film schön gestaltet. Gerade in den Spannungsmomenten greift Tessari tief in die Trickkiste, arbeitet mit Rückblenden, Zeitlupen, Zooms und extremen Nahaufnahmen, aber ohne, dass dies selbstzweckhaft wirken würde. Abgerundet wird der von Giulio Albonico in schönen Bildern an der ligurischen Küste eingefangene Film durch einen leichtgängigen Score von Gianni Ferrio.
Fazit: Horrorfilme altern schnell, gut gemachte Spannungsfilme nie. In diese Kategorie fällt auch Duccio Tessaris schön inszenierter „Der Mann ohne Gedächtnis“, der eine spannende Geschichte und einen starken Frauencharakter in der Hauptrolle präsentiert und daher zu jeder Zeit eine Sichtung lohnt.
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