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10.09.2026
Jean Gabin überzeugt in „Der Bulle“ als altgedienter Kommissar in einem visuell starken französischen Cop-Thriller von Georges Lautner.
Jean Gabin prägte das französische Kino über mehrere Jahrzehnte hinweg. Auch in den Sechzigern, als junge Talente wie Jean-Paul Belmondo und Alain Delon die Herzen der Kinozuschauer eroberten, blieb Gabin ein Kassenmagnet und arbeitete an durchaus interessanten Projekten. Eines davon ist „Der Bulle“ von Georges Lautner, ein interessanter Mix aus klassischem französischem Krimi und dem Actionfilm der Swinging Sixties.
Im Norden von Paris findet ein spektakulärer Diamantenraub statt. Trotz Polizeieskorte kann die Bande von Verbrecher Quinquin (André Pousse) einen ganzen Panzerwagen entführen. Kommissar Jules Loss (Jean Gabin), der kurz vor seiner Pensionierung steht, nimmt sich des Falls an. Ein ungutes Gefühl befällt ihn bei seinem Kollegen Albert (Robert Dalban), der als guter Fahrer gilt, aber das Begleitfahrzeug voreilig in einen Graben gelenkt hat. Tatsächlich steckt Albert mit Quinquin unter einer Decke und versorgte diesen mit vertraulichen Informationen über die genaue Route des Transports. Noch bevor Loss diese Verbindung aufdecken kann, wird Albert tot in seiner Wohnung aufgefunden. Seine Vorgesetzten gehen von Selbstmord aus, doch Loss hat Zweifel. Tatsächlich ist Albert nicht der einzige Komplize, von dem Quinquin sich auf brutale Weise trennt.

Eine von Jean Gabins Paraderollen war die des Kommissars Jules Maigret, dem berühmten Ermittler des Schriftstellers Georges Simenon, den der französische Kinostar mit seiner Körperfülle, seinem ruhigen Spiel und seiner natürlichen Autorität verkörpern konnte, wie kein anderer. In den Sechzigern schienen die eher gediegenen Fälle Maigrets für das Kino der James-Bond-Ära nicht mehr spektakulär genug. Dennoch schaffte es Gabin, den Typ des gediegenen Ermittlers in „Der Bulle“ in dieses neue Setting zu übertragen. Geschrieben wurde die Story hauptsächlich von Michel Audiard, einem wichtigen Wegbegleiter Gabins, der auch schon die Drehbücher für „Kommissar Maigret stellt eine Falle“, „Ein Affe im Winter“ oder „Lautlos wie die Nacht“ verfasst hatte.
Inszeniert wurde der Film von Georges Lautner, der damals als routinierter Regisseur galt, ohne dass ihm das künstlerische Talent eines Jean-Pierre Melville oder Henri Verneuil zuerkannt wurde. Mit „Der Bulle“ legte Lautner aber einen Film vor, der eine recht simple Kriminalgeschichte visuell sehr ansprechend präsentiert und den Typen des altgedienten französischen Kommissars aus der Nachkriegszeit ins Paris der Swinging Sixties verpflanzt.
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Einen ganz ähnlichen Kulturchlash inszenierte im selben Jahr Don Siegel, der in „Coogans großer Bluff“ Clint Eastwood als Deputy aus Arizona auf Verbrecherjagd in der New Yorker Hippieszene schickte. Das hippe Paris des Jahres 1968 – welches gerade zu dieser Zeit London als trendige Kulturhauptstadt Europas abzulösen begann – präsentiert Lautner vor allem über die Clubszene der Stadt, in der Gabins Kommissar Loss ermitteln muss.
In diesen Szenen dominieren nicht nur kräftige Farben und der von niemand geringerem als Serge Gainsbourg geschriebene Soundtrack mit dem von ihm selbst in einer Szene performten Titellied „Requiem per un con“ des Films, sondern auch fast psychedelisch anmutende Kameraspielereien mit kaleidoskopartigen Spiegelungen. Diese Szenen stehen in deutlichem Kontrast zu jenen, die außerhalb von Paris im winterlichen Nordfrankreich spielen. Hier setzen Lautner und Kameramann Maurice Fellous auf kalte, grauweise Farben, ähnlich wie im Kommissariat kaltes blau-grau dominiert. Wie in einem Gemälde baut Lautner in diese mit ruhiger Kamera eingefangenen Bilder kräftige Farbtupfer ein: gelbe Busse oder rotes Werkzeug. Visuell ist der Film wunderschön umgesetzt.
Während Gabin weiter den ruhigen, aber mit sicherem Instinkt agierenden Bullen gibt, sorgt der von André Pousser gemimte Ganove Quinquin für die Actionmomente. Zwei spektakuläre Raubüberfälle am Beginn und am Ende rahmen den Film ein, dazwischen entledigt sich Quinquin skrupellos seiner Komplizen. Seine Morde werden mit der gleichen, emotionslosen Kälte präsentiert, wie die Settings, in denen sie stattfinden. Lautner setzt in diesen Momenten auf Realismus, statt exploitativen Voyeurismus, wie er sich im Actionfilm so häufig findet.
Dennoch war die französische Zensur von der Härte einiger Actionszenen sowie dem immer wieder vorgetragenen, vulgären Titellied Gainsbourgs wenig angetan und erteilte dem Film lediglich eine Freigabe ab 18. Um die Attraktivität für ein jüngeres Publikum zu steigern, nahm Lautner einige Schnitte vor, insbesondere in der Szene, in der Gabins Kommissar einem Jugendlichen bei einem Verhör zwei Schläge verpasste. Danach erhielt der Film eine Freigabe ab 13.
Dem Erfolg taten diese Änderungen keinen Abbruch. Mit 2,05 Millionen Besuchern allein in Frankreich (Platz 17 im Kinojahr 1968) unterstrich Gabin eindrucksvoll seine nach wie vor vorhandene Zugkraft. Auch in Deutschland erwiesen sich 815.000 Zuschauer als gutes Ergebnis.
Fazit: „Der Bulle“ ist ein toll inszenierter Cop-Thriller, getragen von Jean Gabin und in schönen Bildern präsentiert. Regisseur Georges Lautner zeigt, dass man auch einfache Genrekost mit künstlerischem Anspruch präsentieren kann.