Der Astronaut – Project Hail Mary – Kritik

Filmkritik

3.5/5

Filmkritik „Der Astronaut – Project Hail Mary“: Sci-Fi-Spektakel zwischen Humor, Hoffnung und Alien-Freundschaft

Optimistischer Sci-Fi-Blockbuster mit Ryan Gosling: „Der Astronaut – Project Hail Mary“ verbindet Weltuntergang, Humor und eine ungewöhnliche Freundschaft im All.

Phil Lord und Chris Miller wissen, wie man aneckt – und genau das ist ihnen schon einmal zum Verhängnis geworden. Ihr später Abgang während der Dreharbeiten zu „Solo: A Star Wars Story“ (2018), als sie von Disney weit nach Drehstart durch den routinierten Handwerker Ron Howard ersetzt wurden, gilt bis heute als einer der spektakulärsten Regie-Wechsel Hollywoods. Der Grund: zu viel Witz, zu viel Eigenwilligkeit – kurz, zu viel Lord und Miller für einen nervös gewordenen Studio-Major. Jahre später wagt nun Sony Pictures das, wovor andere zurückschreckten: dem berühmt-berüchtigten Duo ein Mega-Budget von 200 Millionen Dollar anzuvertrauen, um mit „Der Astronaut – Project Hail Mary“ einen ungewöhnlichen Mix aus Weltuntergangs-Science-Fiction und humorvoller Charakterstudie auf die Leinwand zu bringen. Dabei gehen sie einen entscheidenden Schritt weiter als die Vorlage von Andy Weir, dessen Roman „Der Astronaut“ deutlich nüchterner und stärker von wissenschaftlicher Präzision geprägt ist. Lord und Miller setzen dem Stoff bewusst Humor hinzu – nicht nur als auflockerndes Element, sondern als zentrales Stilmittel, das Figurenzeichnung und Dramaturgie gleichermaßen beeinflusst. Das Ergebnis ist ein Werk, der gerade durch seine launige Tonalität immer wieder ins Wanken gerät, dabei aber zugleich eine überraschend große Portion Menschlichkeit entfaltet.

Handlung von „Der Astronaut – Project Hail Mary“

Zehn Jahre künstliches Koma liegen hinter ihm, als der Wissenschaftler Ryland Grace (Ryan Gosling) irgendwo Lichtjahre von der Erde entfernt in seinem Raumschiff erwacht – allein. Seine Mitstreiter Yáo Li-Jie (Ken Leung) und Olesya Ilyukhina (Milana Vayntrub) haben die Reise ins Tau-Ceti-System nicht überlebt. Erst bruchstückhaft, dann immer klarer kehren Graces Erinnerungen zurück. Die Erde stand vor dem Kollaps: Eine mysteriöse Substanz namens Astrophagen entzog der Sonne systematisch Energie und drohte, Milliarden Menschen das Leben zu kosten.

Grace, ein ebenso brillanter wie widerspenstiger Molekularbiologe, wird von der deutschen Projektleiterin Eva Stratt (Sandra Hüller) auf eine verzweifelte Mission geschickt: In den Tiefen des Alls soll er ein Bakterium finden, das die parasitären Astrophagen stoppen kann. Am Ziel angekommen, wird aus der Einsamkeit jedoch etwas Unerwartetes – denn Grace trifft auf ein außerirdisches Wesen vom Planeten Eridan: das spinnenartig-steinige Alien „Rocky“. Zwischen Misstrauen, Neugier und wachsendem Verständnis entwickelt sich eine ungewöhnliche Allianz, während beide versuchen, einen Weg zu finden, ihre jeweiligen Welten zu retten.

Ryan Gosling in „Der Astronaut“ (© Sony/Paramount)
Ryan Gosling in „Der Astronaut“ (© Sony/Paramount)

Zwischen Ernst und Leichtigkeit: Der Balanceakt der Regisseure

Phil Lord und Chris Miller („21 Jump Street“) sind nie für halbe Sachen bekannt gewesen – doch mit „Der Astronaut – Project Hail Mary“ wagen sie einen heiklen Balanceakt. In einer Zeit, in der Science-Fiction oft von Dystopie und Zynismus geprägt ist, setzen sie auf Optimismus, Menschlichkeit und sogar eine fast kindliche Freude am Staunen. Dieses teils Infantile wirkt zunächst auf ein Massenpublikum mitunter irritierend, entfaltet aber schnell eine eigentümliche Sogwirkung. Gemeinsam mit Drehbuchautor Drew Goddard („Der Marsianer“) verwandeln sie Andy Weirs Vorlage in ein großes, bewusst zugängliches Weltraumabenteuer, das existenzielle Bedrohung und humorvolle Leichtigkeit miteinander verknüpft – nicht immer reibungslos, aber stets mit spürbarem Herz.

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Lord und Miller verzichten bewusst auf das Tempo und die Pointendichte ihrer früheren Komödien. Stattdessen setzen sie Humor gezielt ein, als Gegenpol zur allgegenwärtigen Bedrohung. Diese Entscheidung verleiht dem Film eine ganz eigene Note, sorgt aber auch für spürbare Brüche. Momente existenzieller Verzweiflung stehen neben beinahe verspielten Einfällen voller Albernheit, ohne immer harmonisch ineinander zu greifen. Gerade in Szenen, die eigentlich das Ausmaß der Katastrophe verdeutlichen sollen, fehlt gelegentlich die emotionale Dringlichkeit – zu weit entfernt scheint das drohende Ende, zu abstrakt bleibt die aufziehende Apokalypse.

Sandra Hüller und Ryan Gosling in „Der Astronaut“ (© Sony/Paramount)
Sandra Hüller und Ryan Gosling in „Der Astronaut“ (© Sony/Paramount)

Ryan Gosling als emotionales Zentrum

Im Kern ist „Der Astronaut – Project Hail Mary“ jedoch vor allem eine One-Man-Show – und Ryan Gosling („The Fall Guy“) trägt sie mit beeindruckender Präsenz. Über weite Strecken allein auf sich gestellt, gelingt es ihm, sowohl die wissenschaftliche Neugier als auch die wachsende Verzweiflung seiner Figur glaubhaft zu transportieren. Besonders stark wird der Film, sobald das Alien Rocky ins Spiel kommt: Die Interaktion zwischen Mensch und fremdartigem Wesen entwickelt sich zum emotionalen Herzstück (ähnlich wie zuletzt bei Adam Sandler in „Spaceman“). Was zunächst wie ein klassisches „First Contact“-Szenario beginnt, wandelt sich zu einer überraschend berührenden Freundschaftsgeschichte, die von Kommunikation, Vertrauen und gegenseitigem Verständnis erzählt.

Sandra Hüller setzt die stärksten Akzente neben Gosling

Neben Gosling bleibt das Ensemble weitgehend Staffage – mit einer markanten Ausnahme: Sandra Hüller („Anatomie eines Falls“, „The Zone Of Interest“), die als kompromisslose Projektleiterin Eva Stratt eine kühle Autorität ausstrahlt, hinter der immer wieder feine Risse sichtbar werden. Gerade in den seltenen Momenten, in denen ihre Figur die Kontrolle lockert, gewinnt sie an Tiefe. Das kulminiert in einer ebenso überraschenden wie eindringlichen Karaoke-Einlage zu Harry Styles’ „Sign Of The Times“ – ein kurzer Ausbruch aus der permanenten Krisenstimmung, der gleichermaßen Trost, Resignation und Trotz transportiert.

Diese Szene steht sinnbildlich für den eigenwilligen Ton des Films: Zwischen Pathos und Ironie, Ernst und Leichtigkeit kippt die Inszenierung immer wieder ins Unberechenbare. Wenn die strenge Stratt plötzlich zur Sängerin wird, wirkt das zunächst wie ein Bruch – entfaltet aber gerade dadurch seine Wirkung. Hüller gelingt es, diesen Moment nicht als Gimmick, sondern als emotionalen Anker zu spielen, der ihre Figur über die Funktion hinaushebt. Dass sie solche Szenen tragen kann, hat sie bereits eindrucksvoll in ihrer mitreißenden Whitney-Houston-Gesangsnummer „Greatest Love Of All“ in „Toni Erdmann“ bewiesen – hier setzt sie noch einmal einen ganz eigenen Akzent.

„Der Astronaut“ (© Sony/Paramount)
„Der Astronaut“ (© Sony/Paramount)

Visuelle Stärke trifft auf erzählerische Schwächen

Auch inszenatorisch überzeugt der Film größtenteils mit beeindruckenden Bildern. Die Weite des Alls wird ebenso pompös eingefangen wie die fragile Enge des Raumschiffs, während praktische Effekte den Begegnungen mit Rocky eine greifbare Qualität verleihen. Gleichzeitig leidet die Dramaturgie unter einer gewissen Zersplitterung: Die Rückblenden zur Erde liefern zwar zusätzliche Informationen, bremsen aber immer wieder den eigentlich spannenderen Handlungsstrang im All aus. Lord und Miller wissen zu Beginn sehr genau, wohin sie wollen – verlieren diesen Fokus jedoch zwischenzeitlich zugunsten von Erklärungen, die nicht immer notwendig erscheinen.

Fazit: „Der Astronaut – Project Hail Mary“ ist näher an „Armageddon“ als an „Interstellar“ – also eher zugängliches, emotionales Blockbusterkino als geniale Sci-Fi –, bleibt dabei aber ein ungewöhnliches Werk, in dem sich Phil Lord und Chris Miller trauen, dem Zeitgeist bewusst Hoffnung entgegenzusetzen. Nicht alle tonalen Wechsel gehen auf, und erzählerisch bleibt der Film gelegentlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Doch dank eines starken Ryan Gosling, eindrucksvoller Bilder und einer überraschend berührenden Freundschaft im All entsteht ein launiges Sci-Fi-Abenteuer, das vor allem in seinen besten Momenten überzeugt – gerade dann, wenn es seine Balance zwischen Humor und existenzieller Bedrohung findet.

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