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30.06.2026
Italienischer Polizeifilm mit Tomas Milian: „Das Schlitzohr und der Bulle“ verbindet harte Action mit humorvoller Gangster-Charme.
Umberto Lenzi ist einer der typischen italienischen Vielfilmer, der jährlich zwei, drei oder sogar mehr Filme drehte, sich in jedem angesagten Genre zu Hause fühlte und zumindest solide Arbeiten ablieferte. Einen besonderen Namen machte er sich allerdings Mitte der Siebziger im italienischen Polizeifilm, für den er acht Beiträge produzierte, die teilweise durch ihre drastische Schilderung niederer krimineller Milieus bestechen und für die er mehrfach mit Tomas Milian zusammenarbeitete. 1975 plante Drehbuchautor Dardano Sacchetti mit „Das Schlitzohr und der Bulle“ einen Film, der für den Poliziotto das werden sollte, was „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ fünf Jahre zuvor für den Western war: eine humorvolle Auffrischung. Das Ergebnis war nicht das, was er sich vorstellte, zählt aber immer noch zu den besten Beiträgen des Genres.
Weil er nicht mehr weiß, wie er die vom Verbrecher entführte Millionärstochter Camilla (Susanna Melandri) aus den Händen des Bosses Brescianelli (Henry Silva) retten soll, greift Kommissar Sarti (Claudio Cassinelli), der wegen seiner Methoden ohnehin schon in der Kritik seiner Vorgesetzten steht, zu einem ungewöhnlichen Mittel. Er befreit mehrere Kriminelle, darunter den Kleinganoven Monnezza (Tomas Milian), aus dem Gefängnis, weil er sich erhofft, so schneller an Informationen aus dem kriminellen Milieu zu kommen. Doch während Monnezza weiß, was gespielt wird, und ihm hilft, erweisen sich die drei anderen Knackis rund um den brutalen Mario (Robert Hundar) als schwer zu bändigen. Sarti rennt die Zeit weg und er ist sich darüber im Klaren, dass alles andere als ein Erfolg ihm den Kopf kosten wird.

Wer sich 1976 Umberto Lenzis neuesten Poliziotto zur Gemüte führen wollte, glaubte vermutlich erst einmal, er wäre sprichwörtlich im falschen Film. Statt der üblichen Panoramaaufnahmen italienischer Städte oder leuchtender Sirenen sah er eine Bande von Cowboys, die zu Gitarrenklängen durch die rote Felslandschaft von Monument Valley reiten, begleitet von den Opening Credits und einem gitarrenlastigen Westernsoundtrack. Erst nachdem der Regisseur genannt wurde, zoomt die Kamera zurück und der Zuschauer bemerkt, dass er eben zusammen mit der Hauptfigur Monnezza einer Filmvorführung im Gefängnis beigewohnt hatte.
„Das Schlitzohr und der Bulle“ legt mit einem durchaus gelungenen Gag los. Doch obwohl auch der fertige Film etliche leichte und komische Momente aufweist, die vor allem Hauptdarsteller Tomas Milian zu verdanken sind, handelt es sich dabei um keine Komödie, wie von Dardano Sacchetti angestrebt, sondern durchaus um einen harten Polizeifilm mit humorigem Unterton. Der Autor plante ursprünglich einen Buddy-Film mit dem klassischen Cop auf der einen und einem kleinen, in der römischen Unterwelt verwurzelten Gauner auf der anderen Seite.
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Monnezza ist kein Schwerverbrecher, sondern eine Art Lebenskünstler, wie es sie im von einer Wirtschaftskrise geplagten Italien Mitte der Siebziger gerade in den südlichen Städten viele gab. Hier einmal ein paar geschmuggelte Zigaretten, da ein geklautes Portemonnaie – das galt als in Ordnung, so lange es keinem wehtat, und stand in deutlichem Kontrast zu den Berufskriminellen, deren brutale Taten damals die Schlagzeilen beherrschten. Entführungen, wie sie die Rahmenhandlung des Films bilden, wurden von etlichen Banden fast schon gewerblich betrieben und dienten schon als Aufhänger für harte Polizeifilme wie Fernando Di Leos „Auge um Auge“ und Lenzis eigenen brutalen „Der Berserker“, in dem Milian eine Art düsteren Gegenentwurf zu Monnezza gespielt hatte.
Dessen Charakter war ein ständig im romanesken Slang brabbelnder Römer, quasi Italiens Version einer Rainer-Brandt-Schmuddelsynchronisation. Milian selbst hatte dafür die Sprache der einfachen Römer auf der Straße studiert, seine Mimik und Gestik überarbeitet und sich intensiv auf seine Rolle vorbereitet. Da die Produzenten jedoch fürchteten, dass der spanische Akzent des kubanischen Darstellers zu stark herüberkommen würde, wurde er in der italienischen Fassung synchronisiert. Trotzdem reißt der Kubaner den Film derart an sich, dass der von Cassinelli gespielte Kommissar Sarti rasch ins zweite Glied rückt.
Cassinelli war ein feinsinniger Charakterdarsteller, der seine Cops etwas tiefsinniger anlegte als etwa ein Maurizio Merli oder Luc Merenda, aber vielleicht hätte ein solch stereotyper Darsteller in diesem Fall ein besseres Gegengewicht zu Milians Monnezza bilden können. Als Gegenspieler Brescianelli liefert Henry Silva eine solide und unaufgeregte Darstellung ab.
Der für seine harte Gangart bekannte und von den Kinogängern seinerzeit geschätzte Umberto Lenzi konnte mit der Idee einer Polizeifilmkomödie nicht wirklich etwas anfangen. Zwar hatte er in etlichen Genres seine Vielseitigkeit an den Tag gelegt, aber keinen Sinn fürs Komödiantische. Er begann mit einer intensiven Überarbeitung des Drehbuchs und baute deutlich mehr Härten ein. Inwiefern sich seine Fassung – für die er in den Credits immerhin vor Sacchetti genannt wird – von der ursprünglichen Idee unterschied, lässt sich heute sicher nicht mehr nachvollziehen.
Das Ergebnis ist dennoch ein sehr gelungener und spannender Film, dem man keine stilistischen Brüche anmerkt. Milians Monnezza ist die gekonnte, humorvolle Begleitung in einem durchaus ernsten Film. „Das Schlitzohr und der Bulle“ weist in seiner gesamten Handlungsstruktur deutliche Parallelen zu Walter Hills Klassiker „Nur 48 Stunden“ auf. Selbst Eddie Murphys Figur scheint sich deutlich an Milians Darstellung des Monnezza zu orientieren, auch wenn der damals noch junge Stand-up-Comedian von sich aus das Potenzial zu einer solchen Darstellung hatte. In der deutschen Fassung wurde Milian übrigens von Randolf Kronberg nachgesprochen, der später zur „Stammstimme“ von Murphy wurde.
Handwerklich ist Lenzis Film hervorragend in Szene gesetzt. Mit Luigi Kuveiller stand ein erfahrener Mann hinter der Kamera, der das Breitwandformat exzellent zu füllen weiß, und die gut über den Film verteilten Actionszenen hat der Regisseur fest im Griff. Den eingängigen und leichtfüßigen Soundtrack komponierte Bruno Canfora, der auch das schmissige Abspannlied „Dirty Ballad“ eingesungen hat.
Mit einem Einspielergebnis von knapp 510 Millionen Lire war der Film seinerzeit in Italien ein solider Erfolg. Noch heute ist Monnezza dort Kult und so drehte Carlo Vanzina 2005 den in Deutschland nicht gezeigten Film „Il ritorno di Monnezza“ mit Claudio Amendola in der Rolle des Rocky Giraldi. Dieser basiert auf der Monnezza nicht unähnlichen und ebenfalls von Milian gespielten Figur des Cops Nico Giraldi. Auch er trägt eine auffällige Lockenpracht, die aber wohl vor allem von Al Pacino aus „Serpico“ inspiriert war. Unter der Regie von Bruno Corbucci spielte Milian den Cop ganze zwölf Mal bis 1984, Monnezza dagegen in leicht abgewandelter Form nur noch zweimal, 1977 in Stelvio Massis „Die Gangsterakademie“ und im selben Jahr in Lenzis „Die Kröte“.
Fazit: „Das Schlitzohr und der Bulle“ ist ein sehr unterhaltsamer italienischer Polizeifilm, der harte Action mit einer humorigen Hauptfigur verbindet und daher noch heute gut anzusehen ist.