Alfred Hitchcocks Thriller „Das Fenster zum Hof“ ist ein brillant inszenierter Klassiker über Voyeurismus, Spannung und die Macht des Kinos.
In den 1950er Jahren stieg Regisseur Alfred Hitchcock endgültig zum „Master of Suspense“ auf, der mit jedem seiner brillant fotografierten Thriller das Publikum in seinem Bann zu ziehen schien. Vier Filme drehte er allein mit James Stewart. Ihre zweite Kollaboration, das Meisterwerk „Das Fenster zum Hof“, entpuppt sich als cleverer Kommentar über den morbiden Voyeurismus des Kinozuschauers.
Handlung von „Das Fenster zum Hof“
Der mit einem Gipsbein an sein Bett oder den Rollstuhl gefesselte Journalist „Jeff“ Jeffries (James Stewart) verbringt die Tage in seiner Wohnung gelangweilt damit, über ein Hinterhoffenster seine Nachbarn zu beobachten. Aus der eher beiläufigen Freizeitbeschäftigung wird bald eine obsessive Leidenschaft, die ihn Anteil am Schicksal und den Marotten jedes Einzelnen nehmen lässt. Seine einzigen realen Menschenkontakte, Hausarbeiterin Stella (Thelma Ritter) und seine Freundin Lisa (Grace Kelly) nehmen dies zunächst kopfschüttelnd zur Kenntnis. In einer schlaflosen Nacht bemerkt Jeffries schließlich, dass der ihm gegenüber wohnende Vertreter Lars Thorwald (Raymond Burr) seine Wohnung trotz schlechten Wetters mehrfach verlässt, immer mit seinem Musterkoffer. Als er am nächsten Morgen aufwacht, fällt ihm auf, dass Thorwalds ans Bett gefesselte Frau (Irene Winston) verschwunden ist. Wurde er Zeuge eines Mordes?
Alfred Hitchcock und die Kunst der subtilen Spannung
Die große Kunst des Kinos von Alfred Hitchcock bestand stets darin, aus eher trivialen Ereignissen ein Maximum an Spannung herauszuziehen, wobei die eigentlichen Gewaltakte – in diesem Fall der vermeintliche Mord – gar nicht einmal eine zentrale Rolle spielen. „Das Fenster zum Hof“ geht auf Cornell Woolrichs Kurzgeschichte „It Has To Be Murder“ aus dem Jahr 1942 zurück, die später als „Rear Window“ – so auch der englische Filmtitel – neu aufgelegt wurde und deren Rechte lange Zeit durch verschiedene Hollywoodbüros wanderten. Hitchcock ließ sich aber, ähnlich wie bei späteren Filmen, auch von authentischen Mordfällen inspirieren, in denen Männer ihre Frauen umgebracht und zerstückelt hatten.
Voyeurismus als Spiegel des Kinozuschauers
Doch diese brutale Tat wird im Film sprichwörtlich nicht weiter ausgeschlachtet, sondern nur angedeutet und gerade daraus zieht „Das Fenster zum Hof“ seine Spannung. Wurde Jeffries nun Zeuge eines Mordes, oder gibt es für all die von ihm zusammengetragenen Indizien andere, rationale Erklärungswege, wie ihm vor allem sein Freund Lt. Tom Doyle (Wendell Corey) versichert? Auch die beiden Frauen in Jeffries‘ Leben sind zunächst skeptisch. Seine Worte allein überzeugen sie nicht. Erst als sie selbst an das Fenster zum Hof treten, geben sie sich der Idee hin, dass Lars Thorwald ein Mörder sein könnte. Hitchcocks Thriller gerät somit zum cleveren Kommentar über die Verführbarkeit des Kinos und die Kraft der Bilder, Botschaften nicht nur zu transportieren, sondern zu erzeugen, denn die Jeffries dieser Welt, das sind die Kinozuschauer selbst.
Die Studiokulisse als bewusste Illusion
Auch sonst enthält „Das Fenster zum Hof“ die üblichen Zutaten eines Hitchcock-Films. Statt in einem echten New Yorker Hinterhof drehte er in einer imposanten Studiokulisse mit voll eingerichteten Wohnungen. Die Künstlichkeit der Kulissen ist zwar durchaus typisch für den Regisseur, lässt sich im vorliegenden Fall aber als weiterer Kommentar über die Illusion cineastischer Bilderwelten interpretieren.
James Stewart als perfekter Hitchcock-Antiheld
Als Hauptdarsteller agiert James Stewart („Vertigo“) zum zweiten Mal nach „Cocktail für eine Leiche“ für Hitchcock. Ihm gelingt es, die wachsende Besessenheit Jeffries‘ exzellent herauszuarbeiten. Beobachtet er seine Nachbarn zunächst mit bloßem Auge, greift er bald zu einem Fernglas und schließlich dem noch effektiveren Teleobjektiv seiner Kamera, wie ein Regisseur, der durch künstliche Bildgestaltung bewusst Schwerpunkte setzen kann. Dabei ist er, anders als in vielen zeitgenössischen Thrillern, keine herausragende Heldenfigur, sondern ein Jedermann, was dem Zuschauer die Identifikation zusätzlich erleichtert.
Grace Kelly und die moderne Frauenfigur bei Hitchcock
An seiner Seite spielt Grace Kelly als vielleicht bekannteste „Hitchcock-Blondine“. Nicht wenige Analysten sehen in der Beziehung zwischen Jeffries und Lisa den eigentlichen Erzählstrang des Films. Denn während Lisa die Beziehung zwischen beiden vorantreiben möchte, gefällt sich Jeffries in seiner Unabhängigkeit als Fotojournalist und hat Angst davor, den nächsten Schritt zu gehen. Durch seinen Beinbruch hat sich diese Freiheit jedoch in eine zunehmende Abhängigkeit von Lisa und Stella verwandelt. Es ist Lisa, die als emanzipierte Frau den Mann erobert und auch die eigentlich gefährlichen Szenen zu absolvieren hat, indem sie in Thorwalds Wohnung nach dem Ring seiner Frau sucht und ihn sich anheftet. Jeffries hingegen ist wie die Nachbarn, die er die ganze Zeit beobachtet, in seiner Welt, seinen vier Wänden gefangen.
Miniaturen des Alltags und visuelle Erzählkunst
Diese beiden Kerngeschichten, der Mord und die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren, werden angereichert durch eine Fülle hübscher Miniaturen, denn natürlich beobachtet Jeffries all seine Nachbarn, aber da er nichts hören kann, muss er das, was er sieht, mit seiner Imagination füllen und stellt so fest, dass viele von ihnen ein Leben in Einsamkeit führen, was an der alleinstehenden Nachbarin, die verzweifelt nach einem Rendezvous sucht, am allerdeutlichsten wird. Hitchcock versteht es hervorragend, diese Miniaturen nur über die Bilder zu zeichnen, sie in die Handlung einzuflechten und über sie nicht nur Jeffries‘ Voyeurismus zu beleuchten, sondern eigenständige Kurzgeschichten zu erzählen, ohne den Film langatmig wirken zu lassen.
Kameraführung und Raum als dramaturgisches Mittel
Auch visuell bekommt man in „Das Fenster zum Hof“ erstklassiges Kino geboten. Die Kameraarbeit trägt die klare Handschrift des Meisters und obwohl sich der gesamte Film ausschließlich in Jeffries‘ Wohnung abspielt und wir immer nur seinem Blick aus dem Fenster folgen, weiß Hitchcock diese räumliche Einschränkung sehr geschickt und auf fast spielerische Art in visuelle Kreativität umzumünzen.
Ein Hitchcock-Klassiker mit anhaltender Wirkung
„Das Fenster zum Hof“ war ein gewaltiger Erfolg an den Kinokassen und spielte allein in den USA über 26 Millionen Dollar ein. Hitchcock selbst scheint ihn ebenfalls besonders geschätzt zu haben, denn er gehört zu den berüchtigten „Verbotenen Fünf“, deren Rechte er später zurückkaufte und bis zu seinem Tod mit einer Aufführungssperre belegte. Inzwischen gilt „Das Fenster zum Hof“ nicht nur als einer seiner besten Filme, sondern taucht immer wieder in Listen der besten Filme überhaupt auf.
Fazit: Hervorragend gespielt und brillant fotografiert – Alfred Hitchcocks Suspense-Thriller „Das Fenster zum Hof“ ist ein zeitloser Klassiker, der zeigt, wie man Spannung um eine Mordgeschichte kreiert, ohne Gewaltakte selbst zu zeigen.
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