Das Drama – Noch einmal auf Anfang – Kritik

Filmkritik

4/5

Filmkritik „Das Drama“: Bitterböse Demontage einer perfekten Beziehung

Bissig-toxisches Romantik-Drama von Kristoffer Borgli mit Robert Pattinson und Zendaya über Beziehungen, Wahrheit und Selbsttäuschung.

In Ruben Östlunds grandiosen Drama „Höhere Gewalt“ (2014) lässt der Regisseur einen Vater in dem Moment versagen, in dem es darauf ankommt: Als eine Lawine auf eine Restaurantterrasse zurast, greift er nicht schützend nach seiner Familie, sondern flieht feige – ein Augenblick, der das Selbstverständnis der Beziehung zu seiner Frau nachhaltig erschüttert und die Ehe anschließend pulverisiert. Kristoffer Borgli greift diese Idee des alles verändernden Wimpernschlags auf und treibt sie in „Das Drama – Noch mal auf Anfang“ noch weiter: Sein Film beginnt wie eine elegante, moderne Liebesgeschichte, entpuppt sich jedoch rasch als hinterhältig konstruiertes Experiment über Selbstbilder und Beziehungsillusionen. Mit einer bewusst hybriden Mischung aus Romantik, Satire und psychologischem Kammerspiel zerlegt Borgli die vertrauten Muster des Genres – und schickt seine Stars Robert Pattinson und Zendaya auf eine ebenso fesselnde wie zunehmend herausfordernde emotionale Achterbahnfahrt.

Handlung von „Das Drama“: Ein perfektes Paar vor dem emotionalen Kipppunkt

Emma (Zendaya) und Charlie (Robert Pattinson) sind ein Paar aus Boston und stehen kurz vor ihrer Hochzeit. Nach außen hin geben sie ein nahezu ideales Bild ab. Er, der Intellektuelle, wirkt zurückhaltend und sensibel, sie selbstbewusst und charismatisch – eine Konstellation, die auf den ersten Blick harmonisch erscheint. Während einer gemeinsamen Weinprobe geraten sie jedoch mit ihren Freunden Mike (Mamoudou Athie) und Rachel (Alana Haim) in ein Spiel gegenseitiger Offenbarungen, das eine schockierende Episode aus Emmas Vergangenheit ans Licht bringt. Was als beiläufige Beichte beginnt, entwickelt sich zu einem schwer zu kittenden Riss im Fundament ihrer scheinbar perfekten Beziehung. In den Tagen vor der Trauung geraten Vertrauen, Wahrnehmung und Selbstverständnis zunehmend ins Wanken.

Robert Pattinson und Zendaya in „Das Drama“ (© Leonine Studios)
Robert Pattinson und Zendaya in „Das Drama“ (© Leonine Studios)

RomCom als trojanisches Pferd

Der Norweger Kristoffer Borgli („Dream Scenario“) nutzt die vertrauten Codes romantischer Komödien zunächst bewusst als Täuschung. Pointierte Dialoge, scheinbar mühelose Chemie und ein charmantes Kennenlernen des Liebespaars suggerieren Sicherheit – doch diese Oberfläche beginnt schnell zu bröckeln. Kleine Irritationen schleichen sich ein, Situationen kippen unvermittelt, und aus Leichtigkeit wird schleichend zunehmende Reibung. Der Film funktioniert dabei wie ein trojanisches Pferd: Er lädt das Publikum mit vertrauten Mustern ein, nur um diese im Fortlauf zu unterwandern.

Denn was folgt, ist keine klassische Liebesgeschichte mehr, sondern eine konsequente und bemerkenswert präzise Demontage emotionaler Gewissheiten – garniert mit schwarzem Humor. Borgli interessiert sich weniger für romantische Erfüllung als für die Mechanismen, die Beziehungen zusammenhalten – oder eben zerstören.

Die Zerbrechlichkeit von Selbstbildern

Im Zentrum der Eskalation steht weniger die konkrete Enthüllung als ihre Wirkung auf die Figuren. Charlies Bild von Emma basiert nicht auf der Realität, sondern auf Projektion – eine idealisierte Vorstellung, die ihm Halt gibt. Als diese Fassade zerfällt, verliert er nicht nur das Vertrauen in seine Partnerin, sondern auch in sich selbst. „Das Drama“ zeigt eindringlich, wie sehr Beziehungen von Konstruktionen leben, die mit der Wirklichkeit oft nur bedingt übereinstimmen.

Mamoudou Athie und Alana Haim in „Das Drama“ (© Leonine Studios)
Mamoudou Athie und Alana Haim in „Das Drama“ (© Leonine Studios)

Dabei bewegt sich das Werk konsequent in moralischen Grauzonen. Borgli vermeidet einfache Urteile und zwingt sein Publikum, sich mit unbequemen Fragen auseinanderzusetzen: Ist entscheidend, was jemand denkt – oder was er tatsächlich tut? Und wie viel Wahrheit verträgt eine Beziehung, bevor sie zerbricht? Diese den Zuschauer fordernde Ambivalenz ist keine Schwäche, sondern eine der größten Stärken des Films.

Kühle Inszenierung und intensive Performances

Formal spiegelt Borgli diese inhaltliche Schärfe in einer konsequent reduzierten, beinahe unterkühlten Inszenierung. Trotz Anflügen romantischen Hochglanzes dominieren präzise komponierte Bilder, die jede noch so kleine Regung in Mimik und Körpersprache freilegen. Auch das Timing ist bemerkenswert kontrolliert: Szenen dehnen sich bewusst über das Erwartbare hinaus und laden sich dabei mit einer kaum auszuhaltenden Spannung auf. Besonders eindrücklich kulminiert das im spektakulären Höhepunkt während der Hochzeitsreden, wenn die Situation schlagartig kippt und in einen kollektiven Kontrollverlust mündet – ein Moment von solcher Wucht, dass im Publikum reihenweise die Kinnladen herunterklappen. Emotional prallen hier „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ und die Red Wedding aus „Game of Thrones“ frontal aufeinander. Irgendwann möchte man nur noch lachen.

Robert Pattinson und Zendaya in „Das Drama“ (© Leonine Studios)
Robert Pattinson und Zendaya in „Das Drama“ (© Leonine Studios)

Entscheidend getragen wird das Ganze vom herausragenden Spiel der Hauptdarsteller. Robert Pattinson („Mickey 17“) überzeugt mit einer nuancierten Darstellung innerer Verunsicherung, während Zendaya („Challengers“) ihrer Figur eine faszinierende Ambivalenz verleiht. Zwischen beiden entsteht eine sich immer mehr aufladende Dynamik, die weniger von Nähe als von unterschwelliger Spannung geprägt ist – und genau daraus ihre Intensität bezieht.

Fazit: „Das Drama – Noch mal auf Anfang“ ist ein kluges, bitterböses und bewusst herausforderndes Beziehungsdrama, das seine Zuschauer nicht schont und gerade daraus seine nachhaltige Wucht bezieht. Kristoffer Borgli gelingt eine präzise, vielschichtige Analyse moderner Partnerschaften, getragen von starken Darstellern und einer konsequenten Inszenierung. Ein anstrengendes, aber äußerst lohnendes Kinoerlebnis, das sich tief festsetzt – und noch lange im Kopf weiterarbeitet.

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