5/5

Filmkritik „Casino“: Glanz, Gier und der kontrollierte Kollaps eines Imperiums

Mit „Casino“ schuf Martin Scorsese ein Meisterwerk des Gangsterfilms über Macht, Gier und den Niedergang der Mafia im Las Vegas der 1970er Jahre.

Mitte der 1990er Jahre befand sich das Gangsterkino auf einem Höhepunkt, doch nur wenige Filme wagten eine derart kompromisslose Verbindung aus dokumentarischer Präzision und erzählerischem Exzess wie „Casino“. Regielegende Martin Scorsese erweitert hier das Fundament seines Genre-Meilensteins „GoodFellas“ (1990) und überträgt die Mechanismen der Mafia in die glitzernde, aber moralisch erodierende Welt der Glücksspielmetropole Las Vegas. Schon in den ersten Minuten etabliert der Film seine Atmosphäre: pompös, berauschend und latent bedrohlich. Scorsese entwirft kein romantisiertes Gangsterporträt, sondern eine akribische Demontage eines Systems, das sich selbst verschlingt. Die Erwartungshaltung des Publikums wird unterlaufen, denn hinter der glänzenden Oberfläche lauert ein kontrollierter Zerfall.

Handlung von „Casino“

Im Jahr 1973 steigt der disziplinierte Profispieler und Buchhalter Sam „Ace“ Rothstein (Robert De Niro) in Las Vegas zum Geschäftsführer des renommierten Tangiers-Casinos auf. Als verlängerter Arm der Mafia sorgt er dafür, dass der Geldfluss in Richtung seiner Bosse zuverlässig funktioniert. Politiker werden bestochen, Spieler kontrolliert und ein beträchtlicher Teil der Einnahmen verschwindet diskret in den Taschen des organisierten Verbrechens – wobei Moral in dieser Welt eher als lästige Formalität behandelt wird.

Unterstützung erhält Ace von seinem Jugendfreund Nicky Santoro (Joe Pesci), der mit brutaler Konsequenz für Ordnung sorgt. Während Rothstein das Casino mit akribischer Perfektion führt, setzt Nicky auf rohe Gewalt, was zunehmend Spannungen erzeugt. Als Ace sich in die glamouröse Prostituierte Ginger McKenna (Sharon Stone) verliebt und sie heiratet, beginnt das fragile Machtgefüge zu zerbrechen. Gingers zunehmender Alkohol- und Drogenkonsum sowie ihr Hang zu exzessivem Luxus treiben die Ereignisse in eine Spirale aus Kontrollverlust, Misstrauen und eskalierender Gewalt.

Robert De Niro in „Casino“ (© UIP)
Robert De Niro in „Casino“ (© UIP)

Zwischen Glanzillusion und moralischem Verfall

„Casino“ entfaltet seine Themen als vielschichtige Analyse von Kapitalismus, Macht und Selbstüberschätzung. Martin Scorsese („Killers Of The Flower Moon“) zeigt Las Vegas als funkelnde Fassade, hinter der sich ein komplexes Netzwerk aus Korruption und Gewalt verbirgt. Die Stadt fungiert dabei als Metapher für eine Gesellschaft, die Erfolg ausschließlich über materiellen Gewinn definiert.

Im Vergleich zu „GoodFellas“ wirkt „Casino“ stärker wie eine Chronik des Niedergangs. Während frühere Gangsterfilme häufig den Aufstieg des organisierten Verbrechens glorifizierten, zerlegt Scorsese hier systematisch die Illusion von Kontrolle. Die Spirale aus Habgier und Misstrauen entwickelt eine dramaturgische Wucht, die den Film zunehmend in Richtung Tragödie treibt.

Schauspiel und Inszenierung: Virtuose Regie und prägende Darstellerleistungen

Martin Scorsese inszeniert „Casino“ mit einer erzählerischen Virtuosität, die zwischen rasendem Tempo und minutiöser Detailarbeit pendelt. Besonders bemerkenswert ist die kompromisslose Exposition des Films. Über weite Strecken nimmt sich der Meisterregisseur die Freiheit, seinem Publikum eine enorme Menge an Informationen zu präsentieren und gleichzeitig die komplexen Strukturen der Mafia-Organisation im Las Vegas der 1970er Jahre offenzulegen.

Joe Pesci und Robert De Niro in „Casino“ (© UIP)
Joe Pesci und Robert De Niro in „Casino“ (© UIP)

Fast eine Stunde lang entfaltet der Film in einem atemberaubenden Stakkato die Mechanismen des Glücksspielgeschäfts, die Hierarchien der kriminellen Netzwerke und die persönlichen Motivationen der Figuren. Unterstützt durch Off-Kommentare entwickelt sich daraus eine der furiosesten Einführungen in ein filmisches Universum, die das Genre hervorgebracht hat. Dass diese riskante Erzählkonstruktion nicht in Überforderung mündet, sondern eine hypnotische Sogwirkung entfaltet, ist letztlich der präzisen Handschrift Scorseses zu verdanken, der selbst komplexeste Zusammenhänge mit erstaunlicher Klarheit strukturiert.

Robert De Niro („Heat“) verleiht Sam Rothstein dabei eine kontrollierte Intensität, die seine Figur gleichzeitig faszinierend und distanziert erscheinen lässt. Joe Pesci („GoodFellas“) setzt als Nicky Santoro einen explosiven Gegenpol, dessen cholerische Brutalität permanent eskalationsbereit wirkt. Den emotionalen Mittelpunkt bildet jedoch Sharon Stone („Basic Instinct“), die Ginger McKenna mit tragischer Ambivalenz interpretiert und damit eine der eindrucksvollsten Leistungen ihrer Karriere abliefert.

Sharon Stone und Robert De Niro in „Casino“ (© UIP)
Sharon Stone und Robert De Niro in „Casino“ (© UIP)

Visuell überzeugt der Film durch Robert Richardsons opulente Kameraarbeit, die den Glanz der Casinos ebenso einfängt wie deren mechanische Kälte. Schnitt und Musik treiben die Handlung mit einer Energie voran, die den Zuschauer unaufhaltsam in den Strudel der Ereignisse zieht.

Fazit: „Casino“ ist ein Meisterwerk des Gangsterfilms und zugleich eine schonungslose Studie über Macht, Gier und Selbstzerstörung. Regisseur Martin Scorsese verbindet erzählerische Opulenz mit analytischer Präzision und zeichnet das Porträt eines Systems, das an seinen eigenen Exzessen zerbricht. Mit herausragenden Darstellerleistungen, virtuoser Inszenierung und erzählerischer Wucht bleibt „Casino“ ein zeitloses Genre-Referenzwerk – faszinierend, düster und filmhistorisch unverzichtbar.

Empfehlungen der Redaktion