Backrooms – Kritik

Filmkritik

4/5

Filmkritik „Backrooms“: Wenn die Realität keinen Ausgang mehr kennt

Kane Parsons verwandelt den Internet-Mythos „Backrooms“ in einen intelligenten Horror-Thriller über Trauma, Identität und die Angst vor dem Unbekannten.

Vor wenigen Jahren bastelte Kane Parsons noch als Teenager an kurzen Horrorvideos für YouTube. Seine unter dem Namen Kane Pixels veröffentlichte „Backrooms“-Reihe machte aus einem obskuren Internet-Mythos ein globales Horror-Phänomen: die Vorstellung einer endlosen Parallelwelt aus gelb beleuchteten Büroräumen, in die Menschen versehentlich aus der Realität „herausglitchen“ können. Die Filme wurden millionenfach geklickt und katapultierten den jungen Filmemacher direkt nach Hollywood. Mit gerade einmal 20 Jahren inszenierte Parsons für A24 nun die Spielfilmversion seiner eigenen Idee – als jüngster Regisseur in der Geschichte des Indie-Studios. Was leicht wie ein Marketing-Gag hätte enden können, entpuppt sich jedoch als einer der ungewöhnlichsten Horrorfilme der vergangenen Jahre. Statt auf Schockeffekte und Monster zu setzen, verwandelt Parsons die inzwischen legendären Backrooms in eine verstörende Reise durch Trauma, Identität und die Zerbrechlichkeit moderner Lebenswelten. Dabei entsteht ein Horror-Thriller, der Erinnerungen an den Genre-Klassiker „Cube“ weckt, dessen Konzept jedoch um eine psychologische und philosophische Ebene erweitert. Nicht jede experimentelle Idee geht dabei vollständig auf, doch die Mischung aus beklemmender Atmosphäre, visueller Kreativität und existenzieller Verunsicherung macht „Backrooms“ zu einem ebenso faszinierenden wie verstörenden Genreerlebnis.

Handlung von „Backrooms“

Für den gescheiterten Architekten Clark (Chiwetel Ejiofor) scheint das Leben nur noch aus Sackgassen zu bestehen. Nach seiner hässlichen Scheidung lebt er mittlerweile in seinem eigenen Piratenmöbelgeschäft „Cap'n Clark's Ottoman Empire“ und versucht vergeblich, wieder Kontrolle über seinen Alltag zu gewinnen. Die Sitzungen bei seiner Therapeutin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve) bieten nur wenig Halt. Statt Trost zu finden, wird Clark dort immer wieder mit seinen Fehlern, seinen selbstzerstörerischen Verhaltensmustern und seiner Vergangenheit konfrontiert. Seine einzigen verbliebenen sozialen Kontakte scheinen die Mitarbeiter Bobby (Finn Bennett) und Kat (Lukita Maxwell) zu sein, die ihn regelmäßig bei skurrilen Werbeaufnahmen für sein Geschäft begleiten.

Doch als Clark im Untergeschoss seines Ladens ein rätselhaftes Portal entdeckt, verändert sich alles. Der Durchgang führt in die sogenannten Backrooms – eine scheinbar unendliche Dimension aus gelb beleuchteten Büroräumen, langen Fluren und unmöglich wirkenden Architekturen. Je mehr Zeit Clark dort verbringt, desto stärker wächst seine Besessenheit von diesem Ort. Gleichzeitig beginnt die Grenze zwischen seiner Realität und den Backrooms zu verschwimmen. Seine Suche nach Antworten entwickelt sich zunehmend zu einem gefährlichen Abstieg, der nicht nur ihn selbst, sondern auch die wenigen Menschen in seinem Umfeld mit in den Abgrund zu reißen droht.

Chiwetel Ejiofor in „Backrooms“ (© Constantin Film)
Chiwetel Ejiofor in „Backrooms“ (© Constantin Film)

Horror über Orientierungslosigkeit und die Angst vor dem Unbekannten

Die größte Leistung von „Backrooms“ besteht darin, dass der Film seinen Schrecken nicht aus Gewalt oder klassischen Horrormotiven bezieht, sondern aus einem Gefühl, das viele Menschen der Gegenwart kennen dürften: dem Eindruck, in einem Leben festzustecken, das keinen Ausweg mehr bereithält. Clarks gescheiterte Existenz bildet dafür den idealen Ausgangspunkt. Die Backrooms werden zum Sinnbild einer Welt, in der Orientierung, Sinn und Gewissheiten zunehmend verloren gehen. Parsons entwickelt aus dieser Grundidee eine permanente Verunsicherung, die den Zuschauer bis zum Schluss begleitet.

Dabei zieht sich ein bemerkenswertes Leitmotiv durch den Film. An einer Stelle wird der Versuch, die Backrooms zu erklären, mit den Worten beschrieben: „Es ist, als würde man jemandem einen Hund beschreiben, der noch nie einen Hund gesehen hat, und ihn anschließend bitten, einen zu zeichnen.“ Kaum ein Satz fasst die Idee des Films besser zusammen. Ständig versuchen die Figuren, etwas zu verstehen und in bekannte Kategorien einzuordnen, das sich jeder Beschreibung entzieht. Genau aus dieser Unmöglichkeit entsteht der eigentliche Horror von „Backrooms“.

Lukita Maxwell und Finn Bennett in „Backrooms“ (© Constantin Film)
Lukita Maxwell und Finn Bennett in „Backrooms“ (© Constantin Film)

Hier zeigt sich auch die Nähe zu Vincenzo Natalis „Cube“. Wie der Kultfilm verweigert „Backrooms“ eine eindeutige Erklärung für sein zentrales Mysterium. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im Meta-Unterbau. Während „Cube“ vor allem vom Thrill seines Rätsels lebte, verbindet Parsons das rastlose Wandern durch die Räume mit psychologischen und gesellschaftlichen Themen. Das wird nicht zu jedem Zuschauer durchdringen, verleiht dem Film aber eine zusätzliche Tiefe, die lange nach dem Abspann beschäftigt.

Architektur als albtraumhafter Antagonist

Besonders faszinierend ist die Rolle der Architektur. Die endlosen Flure, fast identischen Büroräume und unmöglichen Übergänge werden zum eigentlichen Antagonisten des Films. Die Backrooms wirken wie eine Welt, die ursprünglich für Menschen geschaffen wurde, deren Zweck jedoch längst verloren gegangen ist. Obwohl die Figuren scheinbar unendlich viel Platz haben, gibt es keinen Ausweg. Gleichzeitig tauchen immer wieder Fragmente des Alltags auf – Küchen, Möbelstücke, Weihnachtsbäume oder familiäre Erinnerungsorte. Dadurch entsteht eine verstörende Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit.

Renate Reinsve in „Backrooms“ (© Constantin Film)
Renate Reinsve in „Backrooms“ (© Constantin Film)

Die Räume erinnern an Zuhause und Arbeitsplatz zugleich, wirken aber ihrer eigentlichen Bedeutung beraubt. Besonders eindrucksvoll wird dieses Konzept in einer herausragenden Sequenz rund um Mary Klines Kindheitswohnung. Die Kamera bewegt sich Ebene für Ebene immer tiefer in das Gebäude hinein und erinnert dabei unweigerlich an Christopher Nolans „Inception“. Mit jeder weiteren Schicht abwärts verschwinden Gegenstände und Erinnerungen aus dem Raum, bis am Ende beinahe Leere herrscht. Dennoch bleibt etwas Unstimmiges zurück. Diese hypnotische Kamerafahrt gehört zu den stärksten Momenten des Films und verdeutlicht, dass „Backrooms“ neben all seinem Schrecken immer wieder Raum für echtes Staunen lässt.

Zwischen psychologischem Horror und Videokunst

Je tiefer die Figuren in das Labyrinth eindringen, desto stärker verschmelzen Raum und Psyche miteinander. Die Backrooms erscheinen zunehmend als Manifestation von Schuld, Trauma und verdrängten Erinnerungen. Besonders die Szenen zwischen Clark und seiner Therapeutin Mary entwickeln dabei eine unangenehme Intensität. Ihre Gespräche wirken weniger wie Versuche der Heilung als vielmehr wie psychologische Duelle, bei denen alte Wunden immer wieder aufgerissen werden.

Renate Reinsve in „Backrooms“ (© Constantin Film)
Renate Reinsve in „Backrooms“ (© Constantin Film)

Gleichzeitig bewegt sich Parsons häufig an der Grenze zwischen Horrorfilm und experimenteller Kunstinstallation. Überwachungskameras, subjektive Perspektiven und digitale Bildwelten verstärken die Orientierungslosigkeit und spiegeln eine Gegenwart wider, die zunehmend durch Bildschirme und virtuelle Räume geprägt wird. Nicht jede dieser Ideen funktioniert gleichermaßen gut, und einige der Found-Footage-artigen Einschübe wirken stellenweise etwas bemüht. Dennoch besitzt „Backrooms“ eine seltene Fähigkeit: Der Film erzeugt immer wieder Momente echten Staunens und entdeckt in seinem Albtraumkosmos Bilder, die man so im modernen Horrorkino nur selten zu sehen bekommt.

Fazit: Mit „Backrooms“ gelingt Kane Parsons ein bemerkenswert ambitionierter Horrorfilm, der die Grenzen des Genres immer wieder überschreitet. Ausgehend von einem simplen Internet-Mythos entwickelt der Regisseur eine verstörende Reise durch Trauma, Identität und die Zerbrechlichkeit moderner Lebenswelten. Nicht jede experimentelle Idee fügt sich nahtlos in die Handlung ein, doch die beklemmende Atmosphäre und die außergewöhnliche Bildsprache tragen den Film mühelos über kleinere Schwächen hinweg. So bleibt am Ende ein intelligenter Horror-Thriller, der die Grundidee von „Cube“ konsequent weiterdenkt und sein Publikum mit dem Einsetzen des Abspanns verstört zurücklässt.

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