
Deutsche Kinocharts: „Scary Movie“ feiert starkes Comeback an der Spitze
08.06.2026
John Lee Hancocks „Alamo“ dekonstruiert den amerikanischen Mythos mit starken Figuren, epischer Inszenierung und historischer Authentizität.
Die Berichte über Taylor Sheridans aktuelles Filmprojekt sind noch fast druckfrisch. Der Vielschreiber plant ein neues Westernepos zur Belagerung von Alamo. Der Kampf um die zu einem Fort umgebaute Missionsstation gehört zu den meistverfilmten Ereignissen der amerikanischen Geschichte. Am bekanntesten ist wohl das schlicht „Alamo“ betitelte Epos von und mit John Wayne, das ein Herzensprojekt des Cowboydarstellers bildete, an den Kinokassen aber krachend floppte. Kaum besser erging es John Lee Hancocks Version aus dem Jahr 2004. Zu Unrecht, denn es handelt sich bei „Alamo – Der Traum, das Schicksal, die Legende“ um einen extrem spannenden Film mit interessanten Charakteren.
Im Jahr 1836 erhebt sich die kleine amerikanischstämmige Siedlergemeinde von Texas gegen den mexikanischen Diktator Santa Anna (Emilio Echevarría). Während der gescheiterte Kongressabgeordnete Sam Houston (Dennis Quaid) versucht, Siedler und Soldaten anzuwerben, sieht er sich heftigen politischen Angriffen der provisorischen texanischen Regierung ausgesetzt. Auch die Garnison des improvisierten Forts Alamo am Rande der Stadt San Antonio ist in sich zerstritten. Der bei den Milizionären beliebte, aber kranke und trunksüchtige Westmann Jim Bowie (Jason Patric) und der offizielle Kommandeur William Travis (Patrick Wilson) können nicht miteinander.
Kurz bevor die Spannungen explodieren, trifft überraschend eine weitere Westlegende, Davy Crockett (Billy Bob Thornton), mit einigen Männern im Fort ein. Kurz darauf sehen sich die 136 Verteidiger dem Angriff einer starken mexikanischen Armee unter dem persönlichen Befehl von Diktator Santa Anna gegenüber. Während sie unter dem Beschuss der Mexikaner ausharren, versucht Sam Houston, eine Ersatzarmee auf die Beine zu stellen. Bedrängt von der provisorischen Regierung und etlichen Freiwilligen, zögert der erfahrene Soldat, gegen die Mexikaner vorzurücken, wohl wissend, dass er weder genug noch hinreichend ausgebildete Soldaten zur Verfügung hat.

Hätte die Belagerung des Alamo nicht stattgefunden, hätten amerikanische Dichter sie erfinden müssen. In kaum einem historischen Ereignis bündelt sich der amerikanische Traum so stark wie in dem Kampf um die ehemalige Franziskanerkirche. Ausnahmsweise bringt es der ergänzende deutsche Untertitel „Der Traum, das Schicksal, die Legende“ einmal auf den Punkt. Wie so oft stellt sich bei Mehrfach- und Neuverfilmungen aber letztlich die Sinnfrage. Was will man einem überackerten Stoff Neues abgewinnen?
John Lee Hancocks Fassung von 2004 gelingt es allerdings durchaus geschickt, in den Raum zwischen Legende und Realität zu gehen, hinter die historischen Heldenfiguren Davy Crockett, Jim Bowie, Sam Houston und auch William Travis zu schauen. Die ersten drei waren bereits Legenden ihrer eigenen Zeit, lange bevor sie nach Texas kamen, doch wie bei so vielen amerikanischen Westernhelden verbirgt sich in den realen Männern mehr Schatten, als ihre mythischen Verklärungen preisgeben. Crockett und Houston sind zwei Männer, die ihren Ruhm erfolgreich zu politischem Kapital ummünzen und in den Kongress einziehen konnten, wo sie allerdings politisch krachend scheiterten. Für beide stellt Texas die Möglichkeit eines Neuanfangs dar.
Houston ist jedoch dem Alkohol verfallen und wird von nahezu allen Männern in seinem Umfeld angezweifelt, weil er zunächst einem Kampf mit den Mexikanern ausweichen will. Besonders gewitzt ist der Film bei der Entmythisierung Crocketts, der in vielen bisherigen Verfilmungen als Waldläufer mit Waschbärmütze gezeigt wird. Im Film besucht Crockett ein Theaterstück über seine eigenen Taten. Als ihn später ein Kämpfer im Alamo nach seiner Mütze fragt, erklärt er, dass er sie nur einmal getragen habe, weil es der Schauspieler im Stück tat. Der Mythos prägt die Legende.
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Jim Bowie wird dagegen als ein Mann kurz vor dem Ende gezeichnet, der seine Frau verloren hat und wohl an einer seiner vielen Krankheiten zugrunde gegangen wäre, wenn ihm der Kampf um den Alamo nicht die Gelegenheit zu einem heroischen Tod gegeben hätte. Travis wiederum ist erst durch seine Verteidigung des Alamo bekannt geworden. Auch seine Figur wird sogleich jeglicher heldenhaften Attitüde entkleidet, denn die erste Szene zeigt die Scheidung von seiner Frau, die ihn der Hurerei und des Glücksspiels beschuldigt. Zwar fügen er und Bowie sich im Folgenden in das Bild, welches auch schon ältere Darstellungen von ihnen geprägt haben – der etwas steife Fortkommandant und der unbeugsame Westmann –, aber ihre Antipathie nutzt Hancock geschickt aus, um sie in ihren Wortduellen die Abgründe des jeweils anderen aufdecken zu lassen.
Die Gespräche zwischen Crockett und Bowie wiederum dienen dazu, die bekannten Anekdoten und Geschichten zu unterwandern. Beide Männer respektieren sich, obwohl Crockett eher als Aufschneider erscheint als der bodenständige Bowie. Mit Dennis Quaid, Billy Bob Thornton, Jason Patric und dem damals noch weitgehend unbekannten Patrick Wilson sind die Rollen perfekt besetzt. Alle vier schaffen es, ihren Figuren Charakter, Tiefe und den dringend notwendigen individuellen Touch zu verleihen und den Film zu tragen.
Neben den Erzählsträngen um diese vier Protagonisten gelang es den Drehbuchautoren, noch drei Nebenstränge in den Film einzuflechten. Zum einen skizzieren sie in einer Handvoll Szenen den von Emilio Echevarría gespielten Santa Anna als eitlen Gockel, der bedenkenlos das Leben seiner Soldaten für einen raschen Sturm auf den Alamo opfert. Auf der anderen Seite erzählen sie die Geschichte der „Texikaner“ – mexikanischstämmige Texaner –, die rund um Captain Juan Seguin an der Seite der Amerikaner kämpften.
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Dass es sich bei deren Aufstand keineswegs um einen reinen Kampf um Freiheit handelt, wird am Schicksal der persönlichen Sklaven von Travis und Bowie deutlich, denn der eigentliche Grund für die Erhebung stellt Santa Annas Versuch dar, das Sklavereiverbot auch in Texas durchzusetzen. Dieser Aspekt hätte jedoch thematisch noch etwas weiter ausgereizt werden können. Zwar werden die beiden auf eine durchaus differenzierte Weise als Sklaven gezeichnet, die politische Bedeutung der Sklavenfrage für den Aufstand bleibt jedoch außen vor.
Technisch ist der Film hervorragend umgesetzt. „Alamo“ war eine Großproduktion, die weitgehend auf digitale Tricks verzichtete und stattdessen ein originalgetreues Set des Forts und der Stadt San Antonio rekonstruierte. Für Hunderte Komparsen wurden authentische Waffen und Kostüme beschafft. Einige Stücke wurden von Originalvorlagen kopiert, die sich damals noch in den Händen von Phil Collins befanden. Der ehemalige Genesis-Schlagzeuger war der bekannteste Sammler von Alamo-Devotionalien. Ihm gehörte unter anderem die Weste, deren Kopie Thornton in dem Film trägt. 2014 spendete Collins seine Sammlung dem Alamo-Museum. Selbst in Amerika erreichen nur wenige Filme den hohen Grad an Authentizität wie Hancocks „Alamo“.
Auch visuell beeindruckt der Film. Hancock und Kameramann Dean Semler zeigen in jeder Einstellung, was ihnen zur Verfügung stand, seien es die grandiosen Sets oder die erstklassigen Kostüme. Für die Totalaufnahmen, unter anderem eine interessante Aufnahme, die den Flug einer Granate von den mexikanischen Batterien in das Fort nachvollzieht, wurde die Kamera über ein damals neuartiges Drahtseilsystem bewegt. Was seinerzeit eine spektakuläre Neuheit darstellte, kann heute allerdings mit Drohnen wesentlich einfacher nachvollzogen werden. Untermalt werden die epischen Schlachtszenen mit einem mitreißenden Score von Carter Burwell.
So sehr Hancock sich bemüht, die Männer hinter den Legenden zu charakterisieren, letztendlich will auch er dem Mythos nicht wirklich entkommen. Der Film endet mit der Schlacht am San Jacinto, in welcher die Mexikaner schließlich geschlagen und Santa Anna gefangen genommen wurden. Eine der letzten Einstellungen rekonstruiert William Henry Huddles bekanntes Bild, in dem der an einem Baum lehnende, verwundete Houston die Kapitulation Santa Annas entgegennahm. So sehr die historischen Figuren im Schatten ihrer eigenen Legende stehen, an der Bedeutsamkeit ihrer Taten ändert dies nichts.
Mit 95 Millionen Dollar Budget war Hancocks „Alamo” eine anständig ausgestattete Großproduktion, was man dem Film in jeder Sekunde anmerkt. Aber anscheinend – und dies sollte den Finanziers von Taylor Sheridan eine Warnung sein – eignet sich dieser uramerikanische Mythos nicht für den globalen Markt. Mit etwas über 22 Millionen Dollar, fast ausschließlich in den USA, spielte der Film nur einen Bruchteil seines Budgets wieder ein und geriet somit zu einem noch größeren finanziellen Debakel als das John-Wayne-Vehikel. Dafür ist er wesentlich besser.
John Lee Hancocks „Alamo – Der Traum, das Schicksal, die Legende“ stellt zweifellos die bisher authentischste Verfilmung des Stoffes dar. Gleichzeitig ist der exzellent und detailreich inszenierte Film hoch unterhaltsam, gerade weil er sich mit einer ganzen Reihe guter Schauspieler bemüht, die Larger-than-Life-Helden des Mythos auf den Boden historischer Tatsachen zurückzuholen. Als Menschen sind diese Figuren letztlich interessanter als als Legenden.