Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Filmkritik

4/5

Filmkritik „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“: Wenn Schauspiel zur Überlebensstrategie wird

Simon Verhoeven inszeniert mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ eine grandios-emotionale Tragikomödie über Selbstfindung, Familie und Schauspiel – und das in ganz großer Geste.

Simon Verhoeven („Girl You Know It's True“), Sohn der Schauspielerin Senta Berger sowie des Regisseurs und Produzenten Michael Verhoeven, entstammt einer Künstlerfamilie wie aus dem Bilderbuch einer cineastischen Biografie. Dass sich der Regisseur von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (2015) angezogen fühlte, erscheint daher nahezu folgerichtig. Vieles, was Meyerhoff über das Aufwachsen im Spannungsfeld zwischen Kunst, Familie und Selbstsuche beschreibt, dürfte Verhoeven aus eigener Erfahrung vertraut sein. Doch dieser Coming-of-Age-Film hebt sich deutlich vom Genre ab. Selten wurde der Übergang ins Erwachsenenleben so eng mit der Welt des Theaters und der Schauspielkunst verknüpft wie hier. Auch wenn der Film in den ausgehenden 80er- und frühen 90er-Jahren verankert ist, wirkt die Entwicklung eines angehenden Schauspielers wie ein zeitloses Brennglas für die Suche nach Identität – auf und neben der Bühne. Dabei entfaltet sich eine Atmosphäre zwischen nostalgischer Erinnerung und gegenwärtiger Lebenswirklichkeit. Tonal bewegt sich die Literaturverfilmung souverän zwischen melancholischer Reflexion und ironischer Beobachtung, erzählt sensibel, pointiert und überraschend humorvoll vom Erwachsenwerden. Verhoeven überhöht seine Pointen gelegentlich ins Theatralische, verliert jedoch nie den Blick für das Menschliche. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist zugleich urkomisch, todtraurig und berührend.

Handlung von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“

Ende der 1980er Jahre steckt der 20-jährige Joachim Meyerhoff (Bruno Alexander) nach dem Unfalltod seines Bruders, der neben ihm im Auto ums Leben kam, in einer tiefen existenziellen Krise. Sehr zur Überraschung seiner Eltern Iris (Laura Tonke) und Richard (Devid Striesow) beschließt das Nordlicht aus Schleswig, an der Aufnahmeprüfung der renommierten Münchner Schauspielschule Otto Falckenberg teilzunehmen. Als er unerwartet angenommen wird, markiert dies einen Wendepunkt, der gleichermaßen Verheißung und Überforderung bedeutet.

Während Joachim versucht, sich in einem Umfeld zu behaupten, das von Konkurrenzdruck, emotionaler Selbstentblößung und subtilen Machtstrukturen geprägt ist, zieht er in die Villa seiner Künstler-Großeltern Inge (Senta Berger) und Hermann (Michael Wittenborn) ein. Dort erwartet ihn ein exzentrischer Kosmos aus ritualisierten Tagesabläufen, emotionalen Abhängigkeiten und exzessivem Alkoholkonsum. Inge und Hermann begegnen ihrem Enkel mit liebevoller Fürsorge, die jedoch immer wieder ins Destruktive kippt, während Joachim parallel in der Schauspielschule ums emotionale und künstlerische Überleben kämpft.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (© Warner Bros.)
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (© Warner Bros.)

Zwischen Selbstinszenierung und Identitätssuche

Joachim Meyerhoffs autobiografisch geprägte Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ schildert prägende Lebensphasen des Theaterschauspielers und Autors zwischen familiären Prägungen, künstlerischer Entwicklung und existenziellen Erfahrungen. Besonders der Band „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ konzentriert sich auf seine Ausbildung an der Schauspielschule und das Leben im Haushalt seiner Großeltern.

Die Schauspielausbildung wird zum Spiegel innerer Unsicherheiten, während das familiäre Umfeld zugleich Schutzraum und Belastungsprobe darstellt. Besonders zu Beginn reagiert der emotional verunsicherte Joachim irritiert auf die absurden Übungen der Schauspielschule. Wenn er auf Anweisung seiner Lehrerin Gisela (Karoline Herfurth mit originaler Gisela-Frisur) eine Spaghetti darstellen soll, die gemeinsam mit seinen Kommilitonen in einem imaginären Topf Wasser weichgekocht wird, ist das gleichermaßen bizarr wie urkomisch.

Komik und Ernsthaftigkeit vereint

Gerade in dieser Szene offenbart sich exemplarisch die große Stärke von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Denn Verhoeven gelingt es, den augenscheinlichen Klamauk in einen Moment existenzieller Selbstsuche zu verwandeln – eine Balance aus Humor und Verletzlichkeit, die den Film emotional erdet und ihm seine nachhaltige Wirkung verleiht.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (© Warner Bros.)
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (© Warner Bros.)

Denn die Tragikomödie balanciert permanent souverän zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit. Besonders die überzeichnet ritualisierte Lebensweise der Großeltern erhält eine (gar nicht so) subtile satirische Note, ohne die Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben – vom morgendlichen Synchrongurgeln im Badezimmer über Sekt zum Frühstück und Whiskey nebst Zigarette bis zum finalen Rotwein, der die nötige Bettschwere beinahe pflichtbewusst im Vollrausch garantiert. Daraus entsteht ein vielschichtiges Generationenporträt, das den schmalen Grat zwischen Fürsorge und emotionaler Überforderung präzise auslotet. Erzählerisch überzeugt der Film vor allem dann, wenn er die Welten von Kunst und Familie ineinander spiegelt und dadurch universelle Fragen nach Selbstdefinition aufwirft.

Bruno Alexander überragt, Senta Berger und Michael Wittenborn glänzen

Bruno Alexander („Die Discounter“) trägt den Film mit einer bemerkenswert nuancierten und zunehmend mitreißenden Darstellung. Sein Joachim wirkt verletzlich, suchend und zugleich von stillem Ehrgeiz geprägt. Alexander gelingt es, die innere Zerrissenheit seiner Figur mit beeindruckender Authentizität zu transportieren und den Zuschauer emotional tief zu erreichen.

Senta Berger („Willkommen bei den Hartmanns“) und Michael Wittenborn („Im Westen nichts Neues“) verleihen ihren Figuren eine faszinierende Mischung aus Schrulligkeit und tragischer Tiefe. Besonders Berger überzeugt mit einer Performance, die warmherzig, melancholisch und gleichzeitig von subtiler Abgründigkeit geprägt ist. Zusätzliche Konturen erhält das Ensemble durch markante Nebenfiguren, für die eine Handvoll deutscher Stars vorbeischaut – von Karoline Herfurth über Devid Striesow bis hin zu Tom Schilling –, die dem Film zusätzliche farbliche Nuancen verleihen.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ entwickelt einen Sog

Inszenatorisch setzt Verhoeven auf ruhige Bildkompositionen und eine zurückhaltende Kameraführung, die den Figuren viel Raum zur Entfaltung lässt. Vereinzelte visuelle Spielereien sorgen zwar für Abwechslung, insgesamt bleibt die Bildsprache jedoch streckenweise in einer soliden, aber wenig aufregenden TV-Ästhetik verhaftet. Gerade in der ersten Hälfte fehlt es der Inszenierung daher mitunter an visueller Eigenständigkeit.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (© Warner Bros.)
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (© Warner Bros.)

Doch je stärker sich die emotionalen Konflikte zuspitzen und die familiären wie künstlerischen Spannungen ineinandergreifen, desto mehr gewinnt der Film an innerer Dynamik. Was ihm formal an Wagemut fehlt, kompensiert er zunehmend durch darstellerische Intensität und emotionale Verdichtung – und entwickelt so einen spürbaren Sog.

Fazit: Simon Verhoevens „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist eine feinfühlige, urkomische und zugleich melancholische Tragikomödie über Selbstfindung, familiäre Prägungen und die fragile Kunst des Erwachsenwerdens. Vor allem die schauspielerischen Leistungen – allen voran Bruno Alexander – verleihen dem Film beeindruckende emotionale Tiefe. Verhoeven gelingt in seinem bisher besten Werk eine sensible Balance zwischen Humor und Melancholie. Ein berührendes Kinoerlebnis mit nachhaltiger Wirkung.

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