Spider-Man: Brand New Day – Kritik

Filmkritik

4/5

Filmkritik „Spider-Man: Brand New Day“: Endlich wieder Überraschungen im Superheldenkino

„Spider-Man: Brand New Day“ verbindet spektakuläre Action mit einer emotionalen Geschichte und führt den Spinnenmann zurück zu seinen Wurzeln.

Das einst dominierende Superheldengenre steckt in einer Krise. Teure Produktionen blieben zuletzt hinter den Erwartungen zurück, andere verschwanden trotz gigantischer Budgets erstaunlich schnell aus dem öffentlichen Bewusstsein. Woran liegt das? Vielleicht auch daran, dass zu vieles nach vertrauten Mustern abläuft. Wann hat ein Comic-Franchise-Film sein Publikum zuletzt wirklich überrascht? 2018 war das noch anders. Als Marvel-Antagonist Thanos in „Avengers: Infinity War“ mit einem Fingerschnippen die halbe Weltbevölkerung auslöschte, erschütterte das die weltweite Fangemeinde – auch weil kaum jemand mit diesem spektakulären Ende gerechnet hatte. „Avengers: Endgame“ setzte ein Jahr später auf die ganz großen Emotionen und führte das Marvel Cinematic Universe (MCU) zu seinem vorläufigen Höhepunkt. Danach verlor das Genre zunehmend an Zugkraft. Vielleicht hat Regisseur Destin Daniel Cretton bei „Spider-Man: Brand New Day“ tatsächlich noch einmal auf genau diese Qualitäten geschaut. Denn der neue Auftritt von Tom Hollands Spinnenmann bietet beides: Nach einem routinierten Beginn schlägt der Film eine überraschende Richtung ein und verleiht seiner Bösewichtin eine bemerkenswerte Ambivalenz. Ihre Motive sind nicht einfach in Gut und Böse aufzulösen – und gerade daraus bezieht der Konflikt seine Spannung. Zugleich entwickelt sich zwischen Peter Parker und MJ eine emotional überzeugende Liebesgeschichte, die deutlich mehr ist als das übliche Love Interest im Superheldenkino. So wird „Spider-Man: Brand New Day“ zu einem mitreißenden Comic-Action-Abenteuer, das zwar mit spektakulären Set Pieces aufwartet, seine größten Stärken aber in seinem Herz und seiner Bereitschaft findet, das Publikum tatsächlich noch zu überraschen.

Handlung von „Spider-Man: Brand New Day“

Vier Jahre sind vergangen, seit Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) die Welt vergessen ließ, wer sich hinter der Maske von Spider-Man verbirgt. Peter Parker (Tom Holland) lebt seither wieder anonym und zieht weiterhin durch New York, um Menschen in Not zu helfen. Aus der Ferne behält er auch seine große Liebe MJ (Zendaya) und seinen besten Freund Ned (Jacob Batalon) im Blick, die mittlerweile zusammen in einer Studenten-WG leben – ohne sich an ihn zu erinnern. Doch auf den Straßen des Big Apple wird die Lage zunehmend gefährlicher. Schurken wie Scorpion (Michael Mando), Tombstone (Marvin Jones III) und Ramrod (Billy Clements) treiben die Kriminalitätsrate in die Höhe.

Als sich zudem die Angriffe auf das Department of Damage Control (DODC) häufen, sucht Peter Rat bei Yelena „Black Widow“ Belova (Florence Pugh), der Anführerin der New Avengers. Noch direkter greift allerdings Frank Castle alias „Punisher“ (Jon Bernthal) ein, der Spider-Man mit seinem kompromisslosen Vorgehen und einem gewaltigen Waffenarsenal zur Seite steht. Gemeinsam geraten sie auf die Spur einer mysteriösen Präsenz, die von einem Menschen auf den nächsten überspringen kann. Um sie aufzuhalten, arbeitet Spider-Man schließlich sogar mit dem DODC und dessen Direktor William Metzger (Tramell Tillman) zusammen.

Tom Holland und Jon Bernthal in „Spider-Man: Brand New Day“ (© Sony Pictures)
Tom Holland und Jon Bernthal in „Spider-Man: Brand New Day“ (© Sony Pictures)

Spider-Man ohne Netz und doppelten Boden

Die größte Stärke von „Spider-Man: Brand New Day“ liegt darin, dass Regisseur Destin Daniel Cretton („Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings“) das Ende von „Spider-Man: No Way Home“ nicht einfach als erledigte Vorgeschichte behandelt. Peter Parker hat zwar seine Welt nicht verloren, aber die Menschen, die sie für ihn ausgemacht haben. MJ und Ned leben weiter, nur ohne jede Erinnerung an ihn. Ausgerechnet dieser Verlust gibt dem Film seine emotionale Fallhöhe.

Tom Holland („Die Odyssee“) spielt Peter entsprechend ernster und verletzlicher als zuvor. Der Versuch, sich ganz hinter seiner Rolle als Spider-Man zu verstecken, wird zur Flucht vor einem Leben, das ihm entglitten ist. Auch die Beziehung zu MJ erhält dadurch eine neue Qualität. „Brand New Day“ macht aus der vertrauten Romanze keine bloße Wiederholung, sondern eine berührend-melancholische Geschichte über zwei Menschen, die einander nahe waren, obwohl nur einer von beiden diese Vergangenheit noch kennt. Sadie Sink sorgt für die große Überraschung

Auch interessant: Einspielergebnisse und Besucherzahlen des Marvel Cinematic Universe (MCU)

Die eigentliche Trumpfkarte des Films ist jedoch „Stranger Things“-Star Sadie Sink („The Whale“). Lange hält „Brand New Day“ ihre Figur bewusst im Ungewissen, ehe sich herausstellt, dass sie Jean Grey spielt – und Cretton macht aus der jungen Mutantin weit mehr als die nächste austauschbare Marvel-Bösewichtin. Jean ist zugleich Bedrohung und Opfer, brutal und verletzlich, getrieben von nachvollziehbaren Motiven, ohne dass der Film ihre Taten deshalb entschuldigt.

Zendaya und Tom Holland in „Spider-Man: Brand New Day“ (© Sony Pictures)
Zendaya und Tom Holland in „Spider-Man: Brand New Day“ (© Sony Pictures)

Gerade diese Ambivalenz hebt den Konflikt über das übliche Gut-gegen-Böse-Schema hinaus. Peter kann Jean nicht einfach besiegen und abhaken, weil ihre Geschichte ihn auf unangenehme Weise mit seiner eigenen Einsamkeit und seinem Verlust konfrontiert. Sink spielt diese Widersprüche mit einer Mischung aus Verletzlichkeit, Wut und bedrohlicher Entschlossenheit. Sie ist damit nicht nur die große Überraschung des Films, sondern eine der interessantesten Figuren, die das Marvel Cinematic Universe seit Langem hervorgebracht hat. Sink ist eine herausragende Besetzung, auch weil ihre Figur eine emotionale Verbindung zu Peter Parker aufbaut.

Wenn Superheldenfilme wieder überraschen

Genau hier erfüllt „Spider-Man: Brand New Day“ das Versprechen, das viele Superheldenfilme zuletzt vermissen ließen: Er beschränkt sich nicht darauf, bekannte Figuren gegeneinander antreten zu lassen. Die Handlung schlägt tatsächlich Haken, und vor allem Jean Greys Rolle sorgt dafür, dass sich der Film nicht immer so vorhersehbar entwickelt, wie es das Genre zwischen all dem Spektakelgetöse inzwischen oft tut.

Auch an anderer Stelle verweigert sich der Film einfachen Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Der von Jon Bernthal („The Accountant 2“) charismatisch gespielte Frank Castle alias „Punisher“ ist zwar zunächst der offensichtliche Kontrast zu Spider-Mans moralischem Kompass, bleibt aber mehr als ein reiner Gastauftritt. Seine kompromisslose Haltung zeigt Peter, wohin ihn Schmerz und Isolation führen könnten. Allerdings ist „Brand New Day“ mit seinen zahlreichen Figuren und Handlungssträngen nicht immer gleich fokussiert. Einige Nebenrollen, besonders zu Beginn, bleiben eher Staffage, und gelegentlich ist spürbar, dass der Film bereits den Boden für kommende Marvel-Abenteuer bereiten soll.

Tom Holland in „Spider-Man: Brand New Day“ (© Sony Pictures)
Tom Holland in „Spider-Man: Brand New Day“ (© Sony Pictures)

Spektakel mit einem emotionalen Kern

Inszenatorisch führt Cretton Spider-Man zugleich wieder stärker zurück auf die Straßen von New York, was den Film erstaunlich gut erdet. Nach dem pompösen Multiversumspektakel von „No Way Home“ wirkt das beinahe wie eine bewusste Kurskorrektur. Die Action besitzt mehr Bodenhaftung, die Perspektiven beim Schwingen und Klettern vermitteln Geschwindigkeit und Körperlichkeit, und auch die visuellen Effekte fügen sich überzeugender in die reale Umgebung ein.

Entscheidender ist jedoch, dass die spektakulären Szenen diesmal nicht Selbstzweck bleiben. „Spider-Man: Brand New Day“ erinnert daran, warum das Genre auf seinem Höhepunkt so gut funktionieren kann: Nicht die Größe der Explosionen entscheidet über die Wirkung, sondern ob hinter den Masken und Superkräften Figuren stehen, deren Konflikte etwas bedeuten. Mit Peter Parkers Verlust, seiner komplizierten Beziehung zu MJ und vor allem Jean Greys bemerkenswert ambivalenter Rolle findet der Film genau diesen emotionalen Kern.

Fazit: „Spider-Man: Brand New Day“ beweist, dass das Superheldenkino nicht immer noch größer werden muss, um wieder zu begeistern. Regisseur Destin Daniel Cretton setzt auf überraschende Wendungen und emotionale Konflikte statt bloßer Effektüberladung. Besonders Sadie Sink überzeugt als faszinierend ambivalente Jean Grey. Nicht jeder Handlungsstrang ist gleichermaßen stark, doch insgesamt gelingt „Spider-Man: Brand New Day“ ein mitreißendes Sci-Fi-Action-Abenteuer, das mit spektakulären Set Pieces aufwartet – und vor allem dort überzeugt, wo viele Superheldenfilme zuletzt versagt haben: Es hat wieder etwas zu erzählen.

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